Mit dem zu Ende gehenden Gedenkjahr der Reformation legt sich ein Rückblick nahe, was für dieses Jahr mit seinen vielfältigen Initiativen bezeichnend war und als Ertrag gesehen werden kann. Dies soll hier mit Bezug zum Jesuitenorden in Österreich bedacht werden.

Luther und Ignatius – Entdeckung einer spirituellen Verwandtschaft

Da die Gründungszeit des Jesuitenordens von den Auseinandersetzungen mit der Reformation geprägt war, stand der Orden lange für „Gegenreformation“. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der 31. Generalkongregation (1965/66) entschied sich der Orden für eine grundlegend ökumenische Ausrichtung. Damit kam es in den folgenden Jahren auch in Österreich zu einer Vielzahl ökumenischer Initiativen, an denen sich Jesuiten beteiligten: von der gemeinsamen Gestaltung der Ökumenischen Morgenfeier im Rundfunk, über die Mitarbeit in Ökumenischen Kommissionen bis zur Erarbeitung des Ökumenischen Sozialwortes.

Auf diesem Hintergrund ist im Gedenkjahr als besondere Frucht die Entdeckung einer spirituellen Verwandtschaft von Luther und Ignatius zu sehen. Die Befassung mit den Biografien und Glaubenswegen der beiden, die Zeitgenossen waren, ohne sich persönlich gekannt zu haben, ließ erstaunliche Parallelen entdecken. In Ökumenischen Exerzitien im Alltag über fünf Wochen, gemeinsam gestaltet mit der Evangelischen Hochschulpfarrerin Gerda Pfandl, wurden in Wien 1 die parallelen Zugänge von Luther und Ignatius zu den zentralen Glaubenserfahrungen erschlossen. Als eine hilfreiche Grundlage dafür diente Band 74 aus der Reihe Ignatianischer Impulse der beiden evangelischen Theologinnen Christiane Brendel und Adelheid Wenzelmann: Martin Luther und Ignatius von Loyola. Entdeckung einer spirituellen Verwandtschaft. Diese Parallelität bestätigt auch Michael Sievernich SJ im Editorial zum jüngsten Heft der Stimmen der Zeit 142 (2017), Heft 10: Luther und Loyola – zwei Reformatoren.

Glaube & Gerechtigkeit – auf den Spuren der Reformation

Sehr aufschlussreich für das Verstehen der Entwicklung der Reformation und der aus ihr hervorgegangenen Kirchen waren auch zwei Studienfahrten des Forums Glaube & Gerechtigkeit, des Freundeskreises der Jesuiten. Im Juni 2016 begaben wir uns auf die Spuren der Reformation in Rom und entdeckten dabei erstaunlich lebendige ökumenische Initiativen. Neben der herzlichen Aufnahme in den jeweiligen Evangelischen Kirchen als spürbarem Zeichen der Verbundenheit im gemeinsamen christlichen Glauben wurde immer wieder die Persönlichkeit von Papst Franziskus als eine große Ermutigung auf dem Weg zur Einheit hervorgehoben.

Im Juni dieses Jahres besuchten wir die Stadt Steyr, die 100 Jahre protestantisch war. Auf dem Hintergrund der Sozialgeschichte dieser damals sehr reichen Handelsstadt wurde die Ausbreitung der Reformation als innovative Bewegung verständlich. Eindrucksstark wurde für uns auch der Prozess der Rekatholisierung mit ihren dramatischen Folgen von Flucht, Vertreibung und wirtschaftlichem Niedergang der Stadt. Durch die informative Reformations-Ausstellung im Stadtmuseum führte uns der Pfarrer der Evangelischen Kirche Steyr Friedrich Rößler, der mit den in Steyr lebenden Jesuiten gute Kontakte hat und mit dem wir abschließend in seiner Kirche einen Wortgottesdienst hielten.

Gemeinsames Begehen des Gedenkjahrs der Reformation

Die Feier des Lutherischen Weltbundes mit Papst Franziskus in der Kathedrale von Lund am 31. Oktober 2016 setzte ein markantes Zeichen für das Anliegen, das Gedenken der Reformation gemeinsam zu begehen. In diesem Sinn waren auch wir Jesuiten zur Feier „500 Jahre Reformation – und ein Fest“ am Wiener Rathausplatz eingeladen und konnten uns mitfreuen am Leben der Evangelischen Kirchen in ihren Gemeinden, Einrichtungen und Initiativen, die am Rathausplatz präsentiert wurden. Die Themen „Gerechtigkeit – Frieden – Bewahrung der Schöpfung“ aktualisierten dabei die Großen Anliegen seit der Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel 1989.

Einen besonderen Besuch bei einem Sonntagsgottesdienst in der Jesuitenkirche Wien 1 hatten wir im Mai dieses Jahres. Mit uns feierte der reformierte Pfarrer des Zürcher Großmünsters Christoph Sigrist – in Erinnerung an die Zeit, die Ulrich Zwingli zwischen 1498 und 1500 als Student an der Universität Wien verbrachte und an den eine Gedenktafel an der Alten Burse neben unserer Kirche erinnert.

Einen Höhepunkt des gemeinsamen Feierns setzte der Festakt „500 Jahr Reformation“ im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins am 24.10.2017, an dem auch eine Reihe von uns Jesuiten die Ehre hatten teilzunehmen.

„Reformation bewegt“ – dieses Motto stand über zahlreichen Veranstaltungen und Initiativen des Gedenkjahres der Reformation. Es ist zu wünschen, dass uns das Anliegen der Erneuerung der Kirchen und unseres persönlichen Lebens weiterhin in Bewegung hält und zur Einheit in Christus verbindet.

P. Alois Riedlsperger SJ