Christen mit absoluten Gewissheiten sind mir von Haus aus suspekt. Aber es gibt sie, die „Hundertfünfzigprozentigen“, denen alles leichtfällt, auch im Glauben – und mir graut vor ihnen! In Papst Franziskus haben wir endlich einen einfühlsamen Bruder eines suchenden Glaubens bekommen, der mit den eigenen Zweifeln nicht hinter dem Berg hält oder in salbungsvolle Metaphern flüchtet. Trotzdem war es für manche eine Sensation, obwohl es nur eine in Vergessenheit geratene (oder verdrängte) Selbstverständlichkeit gewesen ist: „Ich bin ein Sünder.“ So lautete seine spontane Antwort auf die Frage „Wer ist Jorge Mario Bergoglio?“ im ersten großen Interview im August 2013. Und er ergänzte gegenüber meinem Kollegen Antonio Spadaro SJ: „Das ist die richtigste Definition. Und es ist keine Redensart, kein literarisches Genus. Ich bin ein Sünder.“ Das hat mir nicht nur imponiert. Es hat mich auch beschämt.

Das Glaubensinterview von Papst Franziskus. Drei Jahre später, im Juni 2016, besuchte Papst Franziskus die wohl­tätige Stiftung „Villa Nazareth“ in Rom. Neben dem regulären Programm gab es die Möglichkeit einer Fragerunde, auf die der Papst in freier Rede antwortete. Ein junger Mann namens Gabriele Giuliano genierte sich nicht: „Hatten Sie jemals Krisen im Glaubensleben?“

Franziskus antwortete: „Eine solche Frage stellt Ihr dem Papst! Ihr seid ja mutig!“ Und weiter: „Ich habe oft Glaubenskrisen, und einige Male war ich auch so unverschämt, Jesus zu tadeln: ,Warum erlaubst du das denn?‘, oder zu zweifeln: ,Ist das nun wahr oder ein Traum?‘ Und das passierte mir als Junge, als Seminarist, als Priester, als Ordensmann, als Bischof und als Papst. ,Warum ist die Welt denn so, wo du doch dein Leben hingegeben hast? Ist das nicht nur eine Illusion, ein Alibi, um uns zu trösten?‘ (…) Einem Christen, der sich nicht manchmal diese Frage gestellt hat, dessen Glaube nie in eine Krise geraten ist, dem fehlt etwas. Ich kann kein Chinesisch, aber man hat mir gesagt, dass sich das Wort Krise im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammensetzt: einem Zeichen mit der Bedeutung Risiko und einem Zeichen mit der Bedeutung Chance. (…) Der Christ – und das habe ich gelernt – darf keine Angst davor haben, in Krisen zu geraten: Es ist ein Zeichen dafür, dass er vorangeht (…).“

Das ist vielleicht theologisch nicht so formuliert, wie es manche selbsternannten Hüter des Glaubens sagen würden. Aber aus päpstlichem Mund hört man von Glaubenszweifeln eben nicht alle Tage. Das tröstet.

Sich durchzweifeln.  Zweifel lassen sich nicht einfach wegreden oder wegbeten. Der tschechische Soziologe Tomáš Halík, 1978 heimlich zum Priester geweiht, schreibt, er habe sich als junger Mann, als er sich von der vom Regime aufgezwungenen Ideologie befreit hatte, „zum christ­lichen Glauben durchgezweifelt“. In diesem Zusammenhang hat der deutsche Jesuit und spätere Kardinal Alois Grillmeier (1910–1998) auf ein merkwürdiges Verständnis von „Glaubensgehorsam“ hinge­wiesen. Er erzählte gern die Anekdote vom Versehgang des Dorfpfarrers bei einer todkranken Frau: „Huberbäuerin, Du glaubst doch alles, was unsere heilige Kirche lehrt?“ Die habe mit fester Stimme geantwortet: „Jawohl, Hochwürden, ich glaube alles, ob’s wahr oder falsch ist!“ Kirchliche Dressur hat hier funktioniert, bis zuletzt.

Heilige bewundern wir, weil wir Vorbilder im Glauben brauchen, exemplarische Menschen, deren Lebens-­ und Glaubens­weg Respekt einflößt. Aber sie wären doch keine Menschen, wenn sie keine Fragen und Zweifel gehabt hätten! Solche zu artikulieren und nicht realitätsfremd alles zu „schlucken“, was die Kirche lehrt, ist nicht nur gut, sondern der intellektuellen Redlichkeit wegen extrem wichtig.

Durch Abgründe hindurch. Mystiker und Glaubenszeugen wie Teresa von Ávila († 1582) oder Johannes von Kreuz († 1591) erlebten jahrelang die „dunkle Nacht der Sinne“, in der Gott entschwindet. Sie litten unter Skrupel. Eine Thérèse von Lisieux († 1897) wurde in den letzten Lebensmonaten von denselben Zweifeln geplagt, die Atheisten kennen. Mutter Teresa von Kalkutta (1910–1997), 2003 selig­ und 2016 heiliggesprochen, wurde fast ein halbes Jahrhundert lang von extremen Zweifeln heimgesucht: „Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer gefegt.“ Sie fühlte sich von Gott verlassen. Ihren geistlichen Begleitern berichtete sie von einem „furchtbaren Gefühl der Verlorenheit“, von „Dunkelheit“, vom „Schmerz des Verlangens“ oder vom „Durst“.

Es gibt Christen, die es stört, die peinlich berührt sind, wenn sie davon erfahren. Ein vulgäres Verständnis von Heiligkeit insinuiert ja, Heilige seien vollkommene, absolut fehlerfreie, sündenlose Menschen. Die gibt es aber nur in der fragwürdigen Fantasie! Auch große Geister mussten ihren Weg durch Abgründe hindurch finden.

Gebrochene Lebenswirklichkeit. Das Bewusstsein, unfertig zu sein und trotzdem den „aufrechten Gang“ vor Gott zu wagen – das macht Heilige mehr als alles andere zu Heiligen.

Hängt es vielleicht mit dem Fluch des Perfektionismus zusammen, der manche zusammenzucken oder sofort böse Kirchenkritik vermuten lässt, sobald sie erfahren, dass auch Heilige Ängste und Charakter­ schwächen gehabt und Skrupel oder Zweifel gekannt haben, oft in massiver, manchmal sogar in krankhaft-pathologischer Form? Lebenswirklichkeit, auch von Heiligen, ist gebrochen, fragmentarisch, unvollkommen. Heilige sind keine Super­ oder Übermenschen, wie bigotte Karikaturen glauben machen können. Ihre Stärke liegt gerade auch in ihren Schwächen, die sie gekannt, unter denen sie gelitten, die sie aber nicht verleugnet haben. Das ist Demut. Die Botschaft, die zweifelnde Christen wie auch Heilige transportieren, lautet: Menschen können über sich hinauswachsen – über ihre Begrenztheiten, ihre Verwundungen, ihren Zorn und ihre Bitterkeit.

Produktive Glaubenszweifel. Am Beginn seiner Meditation „Ich glaube an Jesus Christus“ (1968) schreibt der große Jesuitentheologe Karl Rahner (1904–1984): „Hartes, nüchternes, bohrendes – wenn es sein muss – Fragen ist schon ein Akt der Frömmigkeit, die dem geistig wachen Christen geboten ist.“ Von daher ließe sich fragen, welche Art von Glauben und Glaubenden die Kirche überhaupt will. Zweifellose? Vom Apostel Thomas, dem das Attribut „der Zweifler“ verpasst wurde, ließe sich lernen! Narben wurden ihm zu Augen. Leichtgläubig und blauäugig war er gerade nicht. (Glaubens­)Zweifel können produktiv sein!

P. Andreas Batlogg SJ

Dieser Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung dem Jahrbuch 2018 der Diözese Gurk “Heilige – Vorbilder, Fürsprecher und Reformer” entnommen.