Ich bin Jesuit und Philosoph, oder vielleicht besser gesagt: Ich bin als Jesuit Philosoph. Meine philosophischen Interessen galten zunächst vor allem dem Thema „Glaube und Vernunft“. Ist es möglich, so fragte ich mich, dass ich vernünftig bin, wenn ich einen bestimmten religiösen Glauben vertrete? Um etwas Licht in diese Frage zu bringen, habe ich zum einen untersucht, was es heißen könnte, vernünftig zu sein. Geholfen hat mir dabei die zeitgenössische Erkenntnistheorie, in welcher der Begriff der kognitiven Tugend eine immer bedeutendere Rolle spielt. Zum anderen musste ich besser verstehen, was es heißt zu glauben, und was einen Glauben zu einem religiösen Glauben macht. So bin ich auf die alte These des Glaubens als Tugend gestoßen und habe mich mit Thomas von Aquin beschäftigt. Ich wollte diesen Klassiker für die heutige Diskussion um die Rationalität des religiösen Glaubens fruchtbar machen. Und siehe da, ich fand, dass das Glaubensverständnis des Thomas für die zeitgenössische Debatte äußerst anschlussfähig ist. Glaube als Tugend befähigt uns, dem christlichen Glaubensinhalt, der uns weder von sich aus einleuchtet noch im Sinn einer strikten Wissenschaft beweisbar ist, auf rechte Weise zuzustimmen. Der Glaube wird hier in Parallele zu anderen kognitiven Vermögen aufgefasst, z. B. dem Vermögen, Schlüsse zu ziehen, oder dem Vermögen, aufgrund der Wahrnehmung Überzeugungen über unsere unmittelbare Umwelt zu bilden, oder dem Vermögen, aufgrund der Erinnerung Überzeugungen darüber zu bilden, was wir gelernt oder erlebt haben. Glaube lässt sich nicht auf andere kognitive Vermögen reduzieren, sondern wird als eigenes kognitives Vermögen betrachtet. Lesen wir die These eines der prominentesten Erkenntnistheoretikers und Religionsphilosophen der Gegenwart, Alvin Plantinga, so finden wir eine erstaunliche Nähe zur Sicht des Thomas. So schreibt Plantinga: „[Faith] is a cognitive device, a means by which belief, and belief on a certain specific set of topics, is regularely produced in regular ways. In this it resembles memory, perception, reason, sympathy, induction, and other more standard belief-producing processes.“ (Plantinga, Alvin 2000: Warranted Christian Belief. Oxford, 256). Der Knackpunkt ist: Gehen unsere Überzeugungen aus solch richtig funktionierenden Vermögen hervor, dann sind sie vernünftig, dann haben wir diese Überzeugungen zu Recht, dann sind wir bis auf Weiteres berechtigt, sie zu vertreten. Wenn Glaube ein solches kognitives Vermögen ist, das richtig funktioniert, sprich: eine kognitive Tugend, dann sind die daraus resultierenden Überzeugungen so gerechtfertigt wie jene, die aus den anderen bekannten kognitiven Tugenden hervorgehen. Freilich, anzunehmen, dass der Glaube eine kognitive Tugend ist und nicht vielmehr ein kognitives Laster: dafür bedarf es weiterer Gründe.

Ein zweiter Schwerpunkt meiner Forschung war und ist Metaethik. Hier beschäftige ich mich vor allem mit erkenntnistheoretischen und metaphysischen Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Moral ergeben. So stellt sich etwa die Frage, ob es im Bereich der Moral Erkenntnis geben kann. Manche verneinen dies. Sie sagen: Moral hat es mit dem Handeln zu tun, nicht mit dem Erkennen. Ich aber sage: Bevor wir handeln, treffen wir Entscheidungen. Und diesen Entscheidungen gehen Überzeugungen darüber voraus, was in einer Situation zu tun richtig ist. Ich bilde z. B. die Überzeugung, dass es moralisch geboten ist, Flüchtlinge in unser Haus aufzunehmen. Eine solche Überzeugung ist meines Erachtens wahr oder falsch, und ich kann mehr oder weniger angemessene Gründe haben, sie zu bilden. Was sind angemessene Gründe für eine solche Überzeugung? Zum einen sind es andere gerechtfertigte Überzeugungen, z. B. die Überzeugung, dass man Menschen, die sich in Not befinden, helfen soll soweit man kann, und die Überzeugung, dass Flüchtlinge solche Menschen in Not sind. Mich interessiert aber besonders, ob es auch andere angemessene Gründe für moralische Überzeugungen gibt. Ich denke etwa an Emotionen. Viele Menschen verlassen sich bei Entscheidungen auch auf ihre Gefühle. Können uns Gefühle sagen, was wir tun sollen? Ich versuchte zu zeigen, dass Emotionen zumindest ein Teil der angemessenen Gründe für moralische Überzeugungen sein können, indem sie uns Situationen, in denen wir uns befinden, auf wertende Weise präsentieren. So präsentiert mir z. B. die Angst eine Situation als gefährlich, als etwas, das ich meiden sollte. Auf diesem emotionalen Eindruck kann meine Überzeugung beruhen, dass ich diese Situation meiden sollte. Und mein Mitleid mit den Flüchtlingen präsentiert mir die Flüchtlinge als Menschen, die bemitleidenswert sind, denen ich helfen soll. Und darauf kann meine Überzeugung beruhen, dass ich sie aufnehmen soll. Freilich können uns Emotionen auch in die Irre führen. Darin unterscheiden sie sich aber nicht wesentlich von Sinneseindrücken, die ja auch manchmal dazu führen, dass wir falsche Überzeugungen bilden.

Wenn moralische Überzeugungen wahr oder falsch sein können, so stellt sich eine weitere Frage, die mich in den letzten Jahren sehr interessiert hat: Wie ist „Wahrheit“ im Bereich der Moral zu verstehen? Kann ich „Wahrheit“ im Bereich der Moral auch realistisch verstehen wie „Wahrheit“ im Bereich meiner alltäglichen Überzeugungen über meine Umwelt? Wenn ich überzeugt bin, dass dort ein Schaf auf der Wiese steht, und diese Überzeugung wahr ist, so fragt man: Was macht sie wahr? Realisten antworten: die Tatsache, dass dort auf der Wiese tatsächlich ein Schaf steht. Kann es bei moralischen Überzeugungen ebenso sein? Wird meine wahre Überzeugung, dass ich diese Flüchtlinge aufnehmen soll, durch die Tatsache wahr gemacht, dass ich sie aufnehmen soll? Ich finde diese realistische Antwort auch in der Moral plausibel. Aber viele Denker schütteln den Kopf und sagen: „moralische Tatsachen“ klingt doch sehr schräg. Was soll man sich darunter vorstellen? Ich versuche, etwas Licht in diese Frage zu bringen. Als Christ interessiert mich freilich auch der Zusammenhang von Moral und Gott. Wenn ich annehme, dass es moralische Tatsachen gibt, so frage ich: In welcher Beziehung stehen diese moralischen Tatsachen zu Gott? Gibt es die Tatsache, dass ich die Flüchtlinge aufnehmen soll, weil Gott sie willentlich hervorbringt?

Schließlich fröne ich einem Forschungsbereich, der ganz meiner Identität als Jesuit entspringt. Als Jesuit mache ich Ignatianische Exerzitien. Ich betrachte die Bibel auf die Weise, die Ignatius vorschlägt. Ich stelle mir biblische Szenen vor, versetze mich selbst in der Vorstellung in diese Szenen. Ich achte auf die Gefühle, die sich einstellen, besonders auf Trost und Misstrost, denn nach Ignatius sind dies Indikatoren dafür, was dem Willen Gottes entspricht. Aufgrund der Prozesse, welche in der Betrachtung ablaufen, bilde ich unter anderem auch Überzeugungen wie: Gott hat mich getröstet; Gott hat mir vergeben; Gott liebt mich; ich sollte mein Leben ändern; ich soll dies oder jenes tun usw. Als Philosoph frage ich mich dann: Sind diese Überzeugungen erkenntnismäßig von Wert? Können Phantasie, Vorstellung, Erwägung, Emotionen und Wünsche, wie sie bei der Ignatianischen Betrachtung vorkommen, angemessene Gründe sein, um etwas zu glauben? Ich suche nach einer Theorie, die mich verstehen lässt, wie derartige Prozesse zu gerechtfertigten Überzeugungen führen können. Da gibt es noch viel zu tun. Ich freue mich jedenfalls, dass ich mich mit einer Philosophie der Ignatianischen Exerzitien beschäftigen und auf diese Weise als Jesuit Philosoph sein kann.

P. Bruno Niederbacher SJ hat Philosophie und Theologie in Innsbruck, München, London und Freiburg im Breisgau studiert. Seit 1999 arbeitet er am Institut für Christliche Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.