Als Petrus Canisius 1552 in Wien eintrifft, findet er die katholischen Kirchen leer, ihre Priester schlecht ausgebildet und die religiöse Erziehung auf allen Ebenen vernachlässigt.

Der Mann, den Ignatius zu König Ferdinand schickt, um die katholische Reform in Österreich in Gang zu bringen, ist der erste deutschsprachige Jesuit: ein herber, kantiger Charakter mit nüchternem Wirklichkeitssinn, doch auch von tiefer Freundlichkeit gegenüber den Menschen.

Seine Arbeit in Wien beginnt er unverzüglich, die Aufgaben sind vielfältig: Canisius hält Vorlesungen an der Universität, übernimmt die Leitung der Studien im Jesuitenkolleg, betreibt Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen und beginnt zu predigen.

Er ist der erste Jesuit in Wien, der sich dafür der deutschen Sprache bedienen kann, trotzdem ist der Zulauf zunächst gering, und das nicht nur, weil die Wiener geneigt sind, sich über seine rheinländische Mundart lustig zu machen. Oft finden sich kaum mehr als zehn, zwölf Menschen in der Kirche ein. In der Stadt selbst ist der Mangel an Priestern nicht zu übersehen, noch drastischer aber ist die Situation in den Dörfern der Umgebung. Also macht sich Canisius auf und besucht verwaiste Pfarreien, in denen die Menschen schon seit Jahren ohne Sakramente leben und sterben.

Seit seiner Ankunft in Wien ist Canisius ständiger kirchenpolitischer Berater von König Ferdinand, nach einem Jahr wird er auch zu seinem Hofprediger ernannt. Inzwischen hat er sich längst als Volksprediger etabliert und füllt jeden Sonntag die Kirche Maria am Gestade, schließlich auch den Stephansdom.

Mit dem Versuch, Canisius ins Bischofsamt einzusetzen, scheitert König Ferdinand jedoch an den Ordenssatzungen der Gesellschaft Jesu, die die Annahme kirchlicher Würden und Pfründe untersagen: 1554 lehnt Canisius die Ernennung zum Bischof von Wien ab, übernimmt aber interimistisch die Leitung der Diözese – ohne Titel und ohne Einkommen.

Für die Erneuerung der katholischen Bildung im Land verfasst Canisus im Auftrag des Königs ein religiöses Handbuch, das in prägnanter Frage/Antwort-Form sowohl Glaubensinhalte als auch  –praktiken vermitteln konnte. Dieser Katechismus, der im April 1555 unter dem Titel  Summa doctrinae christianae in Wien erscheint, ist präzise, positiv und unpolemisch und so universal wie universell. Binnen kurzer Zeit entstehen verschiedene Versionen: eine umfassende für Theologen, eine überschaubare für Gymnasiasten und eine Kurzfassung für den allerersten Religionsunterricht. In 26 Sprachen übersetzt, wird der Katechismus zum Bestseller in ganz Europa.

Dass das Buch für das 16. Jahrhundert geschrieben wurde, hat es später nicht obsolet gemacht. Der Canisi blieb bis Anfang des 20. Jahrhunderts sprichwörtlich und Grundlage der religiösen Erziehung.

Die Welt des Canisius ist längst vergangen, ihre Themen aber sind es nicht: die Frage nach der Autorität der Kirche, der Verbindlichkeit von Glaubensinhalten und dem Dialog mit Andersgläubigen.

Dr. Martina Lehner, Archivarin der Österreichischen Provinz der Gesellschaft Jesu