Vieles ist seit dem Fall der Mauer anders gekommen, als die Menschen damals erwartet hatten; statt einer friedlicheren Welt kam schon bald der Krieg im früheren Jugoslawien. Wie konnten so viele Grausamkeiten entlang nationaler, religiöser und ethnischer Linien geschehen? Ein Land zerbrach in Einzelstaaten, in ein katholisches Kroatien, ein orthodoxes Serbien, ein muslimisches Bosnien. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat die Welt viele Konflikte durchlitten, die meisten davon Bürgerkriege zwischen ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen der Bevölkerung.

Identität ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Jeder Mensch hat einen Namen und definiert sich zu einem guten Teil von seiner Herkunft – sei es die Familie, ethnische Zugehörigkeit, Nationalität, Kultur oder Wertesystem. Die Religion ist sehr entscheidend für die Identität der Mehrheit der Weltbevölkerung. Menschen verstehen sich als Muslime, Christen, Buddhisten, Hindus, Atheisten… Menschen kämpfen, wenn ihre Identität bedroht ist.

Unsicherheit und Angst um die eigene Identität

Da uns unsere Identität wie eine zweite Natur Sicherheit und Zugehörigkeit, eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft gibt, liegt der Wunsch nahe, diese Identität für immer fixieren zu wollen. Einzelne, Gruppen und Organismen definieren ihre Identität immer auch in Abgrenzung. Diese gehören dazu, jene nicht. Das ist nachvollziehbar. Die Versuchung liegt darin, die eigene Identität höherzustellen als die der Anderen. Die Versuchung aller Menschen ist immer, die eigene Identität zu verabsolutieren, darauf stolz zu sein und sich gegenüber anderen Menschen arrogant zu verhalten. Sich höher zu fühlen als die anderen, ist die tiefe Versuchung der Ehrsucht und des Stolzes, die Ursache von Rassismus, Nationalismus und Fundamentalismus. An den Fremden, Migranten und Flüchtlingen macht sich diese Angst um die eigene Identität fest und projiziert alle Unsicherheit auf diese Minderheiten.

Eine Identität der Liebe

Als Christen haben wir eine klare Identität, aber diese definiert sich nicht über die Abgrenzung und den Hass gegen andere, sondern – ganz im Gegenteil – durch Offenheit und Liebe. In der Taufe am Jordan, die den Versuchungen in der Wüste vorausgeht, erfährt Jesus seine Identität als „geliebter Sohn“ Gottes. Es ist eine von Gott geschenkte Identität, nicht eine selbstgegebene. Es ist eine Identität der Liebe. Wer sich geliebt weiß, kann auch andere lieben. Dies steht radikal im Gegensatz zu extremistischen Gruppen, die ihre Identität der Angst und des Hasses pflegen. Sich als geliebte Tochter, als geliebten Sohn zu erfahren, gibt Sicherheit und Offenheit im Blick auf die anderen, um in ihnen zu erkennen, dass auch sie Söhne und Töchter Gottes sind. Es gilt in diesen Tagen, sich als Christen von denen abzugrenzen, die aus falschem Stolz und Unsicherheit die Diffamierung von Flüchtlingen und Fremden propagieren. An diesem Scheideweg Europas, an dem so viele Menschen von Angst um ihre Identität, von Fundamentalismus und Nationalismus versucht sind, ist es wichtig für die Christen, der Versuchung und den politischen Versuchern zu widerstehen, ihnen furchtlos entgegenzutreten und Diener aller zu sein, d. h. eine in der Liebe und im Dienst starke und offene christliche Identität zu leben. Unsere christliche Identität – die Identität Europas – ist nicht durch die Flüchtlinge und Muslime bedroht, sondern nur dann, wenn wir diese christliche Identität der Liebe nicht in der Praxis den Flüchtlingen gegenüber leben.

P. Peter Balleis SJ hat diesen Text für das deutsche Heft „Jesuiten“ zum Thema „Identität“ (Juni 2018) verfasst. P. Balleis SJ war viele Jahre Leiter der Jesuitenmission in Deutschland und dann Direktor des Jesuit Refugee Service in Rom. Von Genf aus arbeitet er momentan für Jesuit Worldwide Learning, ein neues Projekt, das auf globale Lerngruppen setzt.