Politik und Kirche hängen zusammen: Das zeigt die Nähe kirchlicher Lager zu unterschiedlichen Parteien in den USA oder etwa die drohende Spaltung in der Orthodoxie. Stefan Kiechle SJ beobachtet in seinem Editorial in der aktuellen Ausgabe der Stimmen der Zeit eine zunehmende Polarisierung in vielen Gesellschaften: Die Welt wird immer zerrissener. Ebenso nimmt im Inneren der Kirche die Polarisierung zu. Zwar sind Spaltungen sehr schmerzhaft. Man muss sie aber, wo nötig, zulassen. Jesus selbst sagt, er sei nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern Spaltung (Lk 12,51). Die Frage Kiechles ist: Braucht es in der Kirche vielleicht doch nochmals eine deutlichere Trennung zwischen jenen, die den vom letzten Konzil gewiesenen Weg der Reform weitergehen, und jenen, die ihn verweigern?

In der Politik spaltet sich vieles: Das Volk der USA ist in zwei Lager gespalten, die sich hassen und bekämpfen. In Syrien zeigen sich brutale Spaltungen, die auch weltweit neue Fronten bilden oder alte Fronten neu zementieren. In Europa spaltet sich England ab, und in Polen, Ungarn und Italien dominieren Politik-Stile, die diese Länder nicht nur intern spalten, sondern auch von Europa entfernen. In Deutschland spaltet sich vieles an der Flüchtlingspolitik, zwischen Parteien und innerhalb von Parteien. Spaltung bedeutet Dissens und Empörung, Sprachlosigkeit und Intrige, oft auch Lüge und Hass.

Auch in der Kirche spaltet sich vieles: Alte Lager verhärten sich und kämpfen für ihre Richtung, oft mit Denunziation und mit Shitstorms. Um Papst Franziskus herum polarisieren sich die Lager, in der Kurie und im Weltepiskopat. Das Aufarbeiten sexueller Gewalt kristallisiert Spaltungen, etwa zwischen den Verteidigern der Institution und denen der Betroffenen. Man könnte die Lager benennen: hier die „Doktrinären“ – sie wollen die Identität der Kirche erhalten, auch um den Preis der Ausgrenzung und, falls nötig, um den des Absturzes zur Sekte; dort die „Pastoralen“ – sie wollen Errungenschaften der Moderne aufnehmen und in ihr glaubwürdig bleiben, auch um den Preis von Spannung zu Doktrin und Tradition. Der Ton ist oft schwer erträglich, jedes Lager bleibt in seiner Blase, Dialog wird unmöglich.

Politik und Kirche hängen zusammen: In den USA sind die Rechts- und Anti-Franziskus-Katholiken eng mit den Republikanern verbunden, ideologisch und strategisch. Die Orthodoxie spaltet sich an der Ukraine-Frage, eng verbunden mit staatlicher nationalistischer Politik. In Deutschland pflegen manche Traditionskatholiken Nähe zur politischen Neuen Rechten. In Italien polemisieren die Rechtspopulisten gegen den Papst, der Flüchtlinge nicht im Mittelmeer ertrinken lassen will.

Der Empörungsmodus dominiert. Alle sind für sich überzeugt, Recht zu haben, und zeigen mit dem Finger auf die anderen, die Unrecht haben sollen. Intellektuell ist der Streit oft dürftig, in der Kirche etwa steht „Lehre“ gegen „Evangelium“, in der Politik „Heimat“ gegen „Integration“. Simple Feindbilder fördern Identität. Erzeugt eine überrationalisierte Welt umso mehr Irrationales? Erzeugen Ängste – oft sind sie geschürte und manipulierte – umso mehr Wut? Was die Spaltungen in Kirche und Welt bewirkt, ist – nach klassischer Morallehre – sündhaft: die dreifache Gier nach Macht, nach Geld und nach Sex. War diese bisher durch Kultur und Recht besser gezähmt? Ist sie jetzt neu und zerstörerisch entfesselt? Nach der Bibel sind es Teufel, die verführen und spalten.

Warum die Spaltungen? Ist die Ambiguitätstoleranz so viel geringer geworden? Oder sind Differenz und Komplexität größer, also angsterregender geworden? Sind es soziale Verlust- oder apokalyptische Weltuntergangsängste? In der Erregung geht es auffallend oft um Religion oder um quasi-religiöse politische Optionen. Dabei gibt es doch dringendere Probleme als die, um die sich die spaltenden Diskurse drehen: etwa die Klima-Krise, die zwar nach Umdenken und Handeln schreit, aber in der zerstrittenen und konsumgierigen Menschheit kein Gehör findet; oder die soziale Not, die zu Gewalt und Flucht führt, und das nicht nur in Afrika.

In der Welt werden Spaltungen durch Macht scheinbar überwunden: Abweichler, Fremde, das andere „Lager“ werden mundtot gemacht, ins Gefängnis geworfen, weggeschoben. Doch die Verwerfungen arbeiten im Untergrund weiter. Imperien der Macht entstehen und vergehen. Die Welt wird immer zerrissener. Besserung ist nicht in Sicht.

Zurück zur Kirche: Ihr Stifter sagt selbst, er sei nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern Spaltung (vgl. Lk 12,51). Jesus will zwar Einheit schaffen, ein hohes Gut, aber dieses kommt nur durch notwendige Spaltungen hindurch. Bischöfe und Papst haben als ihren Auftrag den Dienst am Einssein verinnerlicht. Aber der Eindruck verstärkt sich, dass sie doch eher Gefangene ihrer starren Apparate sind, die eine leb- und lieblos gewordene Einheit nur noch verwalten. Manche Spaltungen zeigen sich in den Apparaten, wenn etwa die Bildungskongregation einem anerkannten Hochschulrektor das Nihil obstat behindert, wegen Aussagen, die ähnlich schon von Bischöfen und vom Papst gemacht wurden. Geistlich ist vieles schon gespalten, was institutionell gerade noch zusammengehalten wird.

Die Frage ist bisher kaum gestellt: Braucht es nicht eine klarere Scheidung in der Kirche? Im Umfeld der großen Konzilien gab es immer Schismen – die aber doch zur Klärung halfen. Hat sich nach dem Zweiten Vatikanum schon klar genug erwiesen, wer mit diesem „pastoralen“ Konzil den Weg der Reform weitergeht – und wer ihn im Kern verweigert? Verantwortliche dürfen sich nicht durch jene erpressen lassen, die lautstark mit Spaltung drohen. Wer sich abspaltet, trägt selbst die Verantwortung dafür. Spaltungen sind sehr schmerzhaft; man darf sie nicht anstreben, aber man muss sie, wo nötig, zulassen. Und man soll auf die Regel des Gamaliel vertrauen: Wenn Neues nur von Menschen stammt, wird es zerstört werden; wenn aber von Gott, kann man es nicht vernichten (Apg. 5,38).

Dieser Text ist erschienen als Editorial der Ausgabe 144 (2019) von “Stimmen der Zeit”.

Stefan Kiechle SJ

Pater Stefan Kiechle SJ ist 1982 in den Jesuitenorden eingetreten und wurde 1989 zum Priester geweiht. Er war von 1998 bis 2007 Novizenmeister und hat in verschiedenen Aufgaben in der Hochschulseelsorge und Exerzitienbegleitung gearbeitet. Von 2010 bis 2017 war er Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten. Er ist Delegat für Ignatianische Spiritualität und Chefredakteur der Kulturzeitschrift “Stimmen der Zeit”.