Am Donnerstag beginnt in Rom das vom Papst einberufene weltweite Bischofstreffen zu Missbrauch und Kinderschutz. Das Medieninteresse ist riesig. Doch die Erwartungen schwinden, je näher das Ereignis rückt. Wir haben mit P. Hans Zollner SJ gesprochen. Er ist Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana und hat das Treffen für die Bischöfe mit vorbereitet.

Was kann die Weltkirche dem Treffen der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen im Februar erwarten? Wird es konkrete Ergebnisse geben?

Ein Erfolg wird sich sicherlich auch daran festmachen lassen, wenn die Teilnehmer die behandelten Themen der Verantwortung/Verantwortlichkeit, Rechenschaftspflicht und Transparenz in die jeweiligen Ortskirchen tragen und diese dort Wirkung entfalten. Es kommt auch darauf an, dass die Teilnehmer im Bezug hierauf ihre Leitungsverantwortung wahrnehmen, ein höheres Maß an Klarheit bezüglich notwendiger Instrumentarien gewinnen und diese Instrumentarien auch einsetzen.

Hemmnisse im Blick auf den angemessenen Umgang mit Missbrauch müssen deutlich erkannt, benannt und nach einem möglichst festen Zeitplan beseitigt werden. Teilnehmer sollen ermutigt nach Hause kommen, um sich aktiv den Realitäten stellen zu können.

Sie sind viel in der Welt unterwegs: Sind die Situationen der Ortskirchen weltweit nicht viel zu unterschiedlich, als dass man überhaupt von Rom aus zentral etwas regeln könnte?

Die Weltkirche muss Verantwortlichkeiten vor Ort klar benennen und stärken und das angepasst an die jeweiligen Erfordernisse in verschiedenen Kulturen. Wir müssen uns den Schwierigkeiten interkultureller Kommunikation und Zusammenarbeit stellen. Jede nationenübergreifende Organisation ist damit konfrontiert.

Bei uns als Kirche geht es aber nicht ausschließlich um die praktische Frage, dass man sich, weil es effektiver und effizienter ist, irgendwie verstehen sollte. Bei uns muss das Selbstverständnis, das eigene Wesen im Vordergrund stehen.

Gibt es eigentlich in jeder Kultur sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, oder ist die westliche Kultur, wie manche sagen, besonders anfällig?

Ob es in jeder der Tausenden von Kulturen weltweit sexuelle Gewalt gegen Minderjährige gibt, kann ich nicht sagen. Aber sicher ist, dass sie in allen Ländern und auf allen Kontinenten, in allen Religionen und in allen Gesellschaftssystemen vorkommt, und zwar seit Menschengedenken. Sexuelle Gewalt ist eine furchtbare Realität seit jeher.

Beim dem Treffen der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen im Februar wird auch P. General dabei sein – welche Rolle spielen überhaupt die Orden beim Thema Missbrauch, wenn man auf die Gesamtkirche schaut?

Die großen internationalen Ordensgemeinschaften wie die Jesuiten oder die Salesianer sind insgesamt besser aufgestellt als einzelne Diözesen. Das liegt daran, dass in den weltweit agierenden Orden die Einschätzung der Dringlichkeit und die Erfahrung von Mitgliedern aus Ländern groß ist, in denen der Missbrauch in der öffentlichen Diskussion schon seit Jahrzehnten eine Rolle spielt (wie z.B. USA oder Australien). Die Orden sind in Afrika, Asien und Teilen Lateinamerikas auch sehr wichtige Träger und Vorreiter im Schulsystem und damit auch in der Präventionsarbeit.

Mit Blick auf den eigenen Orden, für den ja die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs seit 2010 eine traurige Realität ist – haben wir Jesuiten in den fast 10 Jahren seitdem dazugelernt und wo besteht für uns noch Handlungsbedarf?

Wir können uns nie ausruhen, auch hier gilt es, immer am Ball zu bleiben. Sonst erliegt man leicht der Versuchung des „wir haben schon unsere Schuldigkeit getan“. Wenn die Prävention von Missbrauch ein Anliegen des Ordens und unserer Provinz sein soll, müssen alle Mitglieder dazu einen Teil beitragen. Dazu braucht es immer wieder Fortbildungen und auch Gesprächsforen in den Kommunitäten und darüber hinaus. In der Ausbildung sind wir als Jesuiten dabei, neue Standards zu definieren.

Für uns in Deutschland hat die MHG-Studie vieles sehr deutlich formuliert. Spielen die Erkenntnisse der MHG-Studie eine Rolle bei der Konferenz?

Nur aus fünf bis sieben Ländern liegen uns Studien vor, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Es zeigt sich, dass durchschnittlich ca. 4-6% der Weltpriester in den letzten siebzig Jahren des Missbrauchs beschuldigt worden sind. Weiterhin wird erkennbar, dass ein nachhaltiges Aufsetzen und Durchführen von Präventionsmaßnahmen einen starken Rückgang von gemeldeten Missbrauchsfällen nach sich zieht. Auf Opfer zugehen, über Missbrauch sprechen, in Prävention investieren wirkt sich in deutlich weniger Missbrauch aus.

Auch ein Vergleich der Tätergruppen der Priester mit denen der Familienväter ist aufschlussreich. So begehen Priester erst relativ spät ihre erste Tat. Anscheinend kommt es in ihrem Berufsleben zu etwas, das gleichsam katalytisch wirkt. Man kann einigermaßen den Schluss ziehen, dass die moralische Integrität einige Zeit gehalten hat und dann zusammengebrochen ist aufgrund von Überforderung, Einsamkeit, Desillusionierung oder Selbstüberschätzung.

Das Thema Machtmissbrauch war ein zentrales Thema der MHG-Studie. Kontrovers diskutiert wird seitdem über die Bewertung von Homosexualität, über den Zölibat und über Gewaltenteilung in der Kirche. Werden die Bischöfe auch diese Themen sprechen?

Das eigentliche Problem bei sexuellem Missbrauch ist meines Erachtens nicht die sexuelle Orientierung, sondern der Missbrauch von Macht. Wie ich mit meiner Sexualität umgehe, sagt auch etwas über meine Person und deren Verhältnis zur Macht aus: meine Bedürfnisse, Dynamiken und Einstellungen. Ich finde die Debatte darum viel zu eindimensional, beschränkt man sie auf die sexuelle Orientierung.

Alle Studien, die von Wissenschaftlern durchgeführt wurden, sagen: Zölibat führt nicht eo ipso zu Missbrauch. Es ist aber ein sehr wichtiger Punkt, bei der Aufnahme von Seminaristen und Ordenskandidaten die Eignung für die zölibatäre Lebensform genau zu prüfen, bei der Ausbildung darauf zu achten und vor allem geeignete Begleitung nach Weihe oder Profess durchzuführen.