Der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, wurde am 13. März 2013 von den Kardinälen zum 266. Papst der römisch‐katholischen Kirche gewählt: Der erste Lateinamerikaner, der erste Jesuit in diesem Amt – wahrscheinlich auch der letzte! – und der erste Papst mit den Namen „Franziskus“. Er wollte „die Armen nicht vergessen“, daran hat ihn Kardinal Cláudio Hummes beim Konklave erinnert. In sechs Jahren ist deutlich geworden, dass der Name wirklich Programm ist. Er ergreift ständig Partei für Arme und Ausgegrenzte weltweit. Was er immer wieder zum europäischen Flüchtlingsdrama gesagt hat, war ein klares Signal gegen eine sich ausbreitende „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.

Der Papst wirbt seit sechs Jahren für eine missionarische Kirche, die sich an die Ränder wagt, die ganz konkret Kontakt aufnimmt mit Armen auf der Straße. Er hat Gescheiterte im Blick, er redet mit Andersdenkenden, Andersgläubigen oder Atheisten. Er hat Respekt vor ihnen und mag sie. Er möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen, nicht nur mit den Frommen.

Papst Franziskus hat frischen Wind in die Kirche gebracht, eine neue Dynamik – in vielerlei Hinsicht. Es ist ein anderer Stil, ein anderer Ton, der vorherrscht. Papst Franziskus macht Mut zu Veränderungen und Neuaufbrüchen, wo er nur kann. Er arbeitet in der Kirche an Reformen auf verschiedenen Ebenen. Sein eigenes Amt und andere Leitungsämter der Kirche sind davon nicht ausgenommen. Es geht Papst Franziskus in seinen Apostolischen Schreiben um wirkliche Veränderungen, Schritt für Schritt. Laudato si stellt brennende ökologische Fragen und Verantwortungen in den Mittelpunkt. Die bevorstehende Amazonas-Synode soll die weltweite Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Welt-Thema richten.

Papst Franziskus nutzt die Autorität seines Amtes, um auch in der internationalen Politik zu intervenieren. Ob im Syrien‐Konflikt, im Einsatz für Frieden in der Ukraine, der Besuch in Saudi-Arabien, Abkommen mit China, Besuche in Süd- und Mittelamerika, in Afrika – er kennt die Brennpunkte der Welt, und er kümmert sich dabei nicht nur um katholische Anliegen. Er weiß, dass sich die Dinge nicht von heute auf morgen ändern lassen.

Papst Franziskus fordert zu mehr Barmherzigkeit auf. Das ist wie eine ständige Kennmelodie seines Pontifikats geworden. Nähe ist das Kennzeichen seiner Seelsorge, die den Menschen im Blick hat und nicht zuerst das Kirchenrecht. Sehr rasch sprach er davon, dass das Heilen von Wunden vorrangig ist. Der Papst berührt Menschen und er lässt sich berühren. Die Aura der Unnahbarkeit ist weg. Er gibt Interviews. Er greift selbst zum Telefon und macht überraschende Besuche. Jugendliche waren bei vielen Treffen mit ihm begeistert. Man nimmt ihm ab, was er sagt, weil es echt ist: er bringt einfache und eingängige Bilder, nicht eine abstrakte theologische Sprache, die nur Insider verstehen. Klerikalismus und Karrierismus sind für ihn Reizworte.

Papst Franziskus hat in sechs Jahren atmosphärisch einiges verändert. Es herrscht weniger Angst in der Kirche, kritische Fragen und sogenannte „heiße Eisen“ anzusprechen. Der Papst lädt selbst dazu ein. Einige seiner Mitbrüder im Vatikan, aber nicht nur dort, scheinen sich damit schwerer zu tun als die Menschen, die bei Audienzen den Petersplatz füllen oder die Texte des Papstes lesen. Themen wie die pastoral drängende Frage des Umgangs mit geschiedenen Wiederverheirateten, die Beziehungen zur evangelischen Kirche, das Thema des Missbrauchs will er nicht einfach per Verordnung bearbeiten oder durch „Dubia“ und „Glaubensmanifeste“ von Kardinälen lösen lassen. In großer Spontaneität und Direktheit legt der 82-jährige Papst nach wie vor ein unerwartetes Tempo vor.

Papst Franziskus ist dabei ein geistlicher Mensch geblieben, der viele Situationen in der Welt und in der Kirche ganz pragmatisch und direkt anspricht, nicht als taktierender Politiker oder schöngeistiger Theologe. Dass er vor allem auf biblischer und jesuanischer Basis nach Träumen und Visionen von Kirche der Menschen fragt und selbst davon erzählt, ist für mich ein ermutigendes Zeichen, das aufrüttelt. Die Menschen stehen dabei immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Papst Franziskus.

Ich bin sehr dankbar für diesen Papst und ein wenig stolz, dass er im Herzen ein Jesuit geblieben ist!

Autor:
Friedrich Prassl SJ – geb. 1964 in Bad Radkersburg

Pater Prassl arbeitete als Touristikkaufmann in Lausanne, Zürich und Toronto, bevor er 1992 in das Priesterseminar in Graz und 1995 in das Noviziat der Jesuiten in Innsbruck eintrat. Nach seinen philosophischen und theologischen Studien empfing Pater Prassl 2002 in Innsbruck die Priesterweihe. Es folgten eine mehrjährige Tätigkeit als Subregens, Studienpräfekt und Ökonom im Collegium Canisianum und ein Spezialstudium in Spiritualität in Rom. Von 2010 bis 2017 leitete er das Internationale Theologische Kolleg Canisianum in Innsbruck. Seit 2018 ist Pater Prassl Direktor des Kardinal König Hauses in Wien.