Seit den Anfängen des Jesuitenordens absolviert jeder Novize im Rahmen seiner Ausbildung ein Praktikum in einer Alters- und Pflegeinrichtung – das sogenannte „Krankenexperiment“. Gemäß dem Motto „Gott in allen Dingen finden“ wollte Ignatius von Loyola damit seinen Ordensmitgliedern eine Gotteserfahrung im einfachen Dienst am Menschen und in der Fürsorge für Andere ermöglichen. Mein Krankenexperiment führte mich zwischen Jänner und Februar 2019 vom Noviziat in Nürnberg nach Wien, wo ich für zwei Monate auf der Demenzstation „Belvedere“ des Pflegeheims der Caritas Socialis (CS) Rennweg mitarbeiten durfte.

Auf dieser Station lebten elf Menschen zwischen 64 und 97 Jahren mit unterschiedlichen Stadien ihrer Demenzerkrankung. Während die beiden jüngsten Bewohnerinnen noch am Anfang ihrer Demenzerkrankung standen und ihr Leben weitgehend autonom gestalten konnten, hatten die anderen bereits mit starken Einschränkungen in ihren Orientierungs-, Kommunikations- und Interaktionsfähigkeiten zu kämpfen oder mussten ihren Alltag gar alleine im Bett bzw. im Rollstuhl verbringen. Selbst primitive Grundhandlungen, wie die eigene Körperpflege – etwa das Waschen, das Rasieren oder der Toilettengang – das Anziehen von Kleidung oder die selbstständige Nahrungsaufnahme waren für die meisten Bewohner ohne unterstützende Hilfe seitens des geschulten Pflegepersonals nicht mehr möglich.

Als Praktikant erstreckte sich mein Tätigkeitsbereich nicht direkt auf die körperliche Pflege der Bewohner, sondern auf deren soziale Unterstützung und die Entlastung des Pflegepersonals.  Gemeinsam mit den Zivildienern half ich bei der Reinigung und Desinfektion der Zimmer und Funktionsräume, dem Überziehen der Betten und dem Einräumen der frischen Wäsche und Gebrauchsutensilien. Ich begleitete die Bewohner von ihrem Zimmern zu den Mahlzeiten, verteilte das Essen und half einzelnen bei der Nahrungseinnahme. Darüber hinaus fokussierte sich meine Arbeit auf den sozialen und praktischen Kontakt mit den Bewohnern. So durfte ich gemeinsam mit anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern die Bewohner zu Spaziergängen, zu ehrenamtlich organisierten Veranstaltungen und zu Arzt- und Krankenhausbesuchen begleiten. Dadurch entstand mit den Bewohnern schnell ein enges Vertrauensverhältnis und ich konnte mich mit ihnen über die kleinen und großen Dinge ihres Alltags auszutauschen. Stolz erzählten manche von ihrer Familie, ihren Eltern, Geschwistern, Partnern und Kindern. Andere wiederum schilderten ihre Erlebnisse auf der Arbeit, von ihren großen Reisen und Erlebnissen und andere waren wiederum ganz still und genossen es einfach einen Menschen in ihrer Nähe zu haben, der sie berührte, in den Arm nahm oder einfach nur freundlich anlächelte.

In solchen Momenten kam mir wiederholt der von Ignatius geäußerte Wunsch, die Novizen mögen „Gott in allen Dingen zu finden“ in den Sinn. Denn obwohl die Demenzstation gerade der Ort ist, wo einem die Begrenztheit des menschlichen Lebens, die Gebrechlichkeit der körperlichen und geistigen Fähigkeiten sowie die fehlende Aussicht auf Genesung kontinuierlich vor Augen gestellt werden, durfte ich Gottes Nähe und Zuneigung in diesem Umfeld völlig neu erfahren:

Als Teil eines Teams von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern unter der Leitung von Dzenana Gluhic durfte ich Gott in Menschen mit großer Leidenschaft und außergewöhnliches Engagement für die Bewohner kennenlernen. In den pastoralen Angeboten der Klinikseelsorge, die sich unermüdlich um das geistige und spirituelle Wohl der Bewohner sorgte, durfte ich Gott in neuen Formen – etwa einer Taizé-Andacht für Demenzkranke – ganz unvermittelt und einfach spüren. Vor allem aber durfte ich Gott in jedem einzelnen der Bewohner begegnen und erleben. Ich durfte die Erfahrung machen, dass es oft keine großen Worte oder Taten bedarf, sondern manchmal nur ein Zuhören, eine Berührung, eine nette Umarmung oder ein stilles Gebet genügt, um andere Menschen glücklich zu machen und das Gefühl von Gottes Nähe und Geborgenheit zu vermitteln. In diesen Begegnungen, den Berührungen und dem Lächeln der Bewohner hat sich Gott ganz klein und einfach gezeigt und mir dabei im Dienst an Anderen Erfüllung und Freude geschenkt.

Und so darf ich mich glücklich schätzen, gerade auf der Station Belvedere mein Krankenexperiment absolviert und Gott in ganz neuen Dingen und Formen gefunden zu haben. Deo Gratias!

Daniel Weber nSJ