Mit Blick auf Ostern und die Auferstehung Jesu berührt mich ein biblisches Bild aus dem zweiten Korintherbrief sehr stark. Dort heißt es: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ (2 Kor 3,17-18) Frei übersetzt und in Kurzform bedeutet das für mich als Auftrag und Herausforderung: „Den Lichtglanz der Gottebenbildlichkeit widerspiegeln.“

Ich denke, dass viele Menschen in ihrem alltäglichen Leben, in ihrem konkreten familiären, beruflichen und ehrenamtlichen Einsatz diesen Lichtglanz des auferstandenen Herrn widerspiegeln, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Viele geistliche Menschen, damit meine ich nicht nur Priester und Ordenschristen, vielmehr achtsame Menschen im pastoralen oder sozialen mitmenschlichen Dienst, hilfsbereite Menschen für andere, sie alle spiegeln diesen besonderen Lichtglanz auf sehr vielfältige Weise wider.

Die Osterzeit kann dabei eine Chance sein manches neu zu sehen, neu zu entdecken, neu zu beleben, was scheinbar schon Routine wurde. Dazu ist es notwendig immer wieder aufs Neue aufzubrechen, nach den je eigenen Möglichkeiten. Es ist notwendig offen zu werden, offen zu sein für Gott und sein Wort, seine Botschaft an mich, und auch offen für die Menschen um mich herum, um diesen „Lichtglanz der Gottebenbildlichkeit“ wirklich widerspiegeln zu können. Ein solcher Aufbruch kann zu jeder Tageszeit, an jedem Tag, zu jeder Jahreszeit, in jeder Lebenszeit, in geprägten Zeiten des Kirchenjahres immer neu geschehen. Dieser Aufbruch bedeutet in gewisser Weise je neue Ausrichtung auf Gott und auf die Menschen hin. Wie gut gelingt es mir, mich immer wieder neu für Gott und seine einladende und herausfordernde Osterbotschaft an mich zu öffnen und zugleich auch für die Anliegen von Menschen? Beides gehört meistens sehr eng zusammen.

Ein achtsames Miteinander, das eigene Dasein für andere in den Mittelpunkt zu stellen, erscheint mir bei den zunehmenden Aufgaben und Verpflichtungen in unserem beruflichen und privaten Alltag, oft unter einem vielfältigen Leistungsdruck, leicht in Gefahr zu sein unterzugehen, bzw. zumindest vernachlässigt zu werden. Nehme ich mir Zeit für die Pflege meiner Beziehungen? Habe ich überhaupt noch Zeit für einzelne Menschen, für meine Familie, für meine Freundeskreise, für Menschen in meiner Pfarre, in meinen Tätigkeitsbereichen, Zeit, um aufmerksam für sie da zu sein?

Die Osterzeit kann eine persönliche Hilfe sein, um diese Achtsamkeit im eigenen Leben neu zu entdecken. Die strahlende Osterbotschaft der Auferstehung kann zum einen dabei helfen, den „Lichtglanz der Gottebenbildlichkeit“ durch das eigene Lebenszeugnis für andere widerzuspiegeln, durch das eigene Denken, Reden und Tun. Zum anderen geht es dabei aber immer auch darum, den „Lichtglanz der Gottebenbildlichkeit“ anderer Menschen deutlich widerzuspiegeln, was für viele Menschen hilfreich und ermutigend ist. Ein Lob, ein Dank, ein herzliches Lächeln kann das zum Ausdruck bringen. Die Pflege liebevoller Achtsamkeit und Offenheit in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen dient beiden Aspekten. Achtsamkeit und Offenheit werden als menschliche Grundhaltungen hoch geschätzt. Sie gehören zu den sympathischsten menschlichen Eigenschaften. Ein offenes Wesen, offene Augen und Ohren, offene Hände, ein achtsames Herz zu haben, das sind alles Aussagen hoher Wertschätzung. Wahre Achtsamkeit und Offenheit zeigen etwas von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. In einer Schöpfungsgeschichte, die mich schon viele Jahre begleitet, beschreibt der Schweizer Kapuziner Anton Rotzetter den wichtigsten Wunsch Gottes an uns Menschen: „Mensch, du meine Ebenbild, ich will, dass Du mich vertrittst in der Liebe, die habe zu Dir und zu allem Geschaffenen!“ Mit der Herausforderung den „Lichtglanz der Gottebenbildlichkeit“ auf diese besondere Weise widerzuspiegeln, wünsche ich eine gesegnete Osterzeit!

Friedrich Prassl SJ

Autor:
Friedrich Prassl SJ – geb. 1964 in Bad Radkersburg

Pater Prassl arbeitete als Touristikkaufmann in Lausanne, Zürich und Toronto, bevor er 1992 in das Priesterseminar in Graz und 1995 in das Noviziat der Jesuiten in Innsbruck eintrat. Nach seinen philosophischen und theologischen Studien empfing Pater Prassl 2002 in Innsbruck die Priesterweihe. Es folgten eine mehrjährige Tätigkeit als Subregens, Studienpräfekt und Ökonom im Collegium Canisianum und ein Spezialstudium in Spiritualität in Rom. Von 2010 bis 2017 leitete er das Internationale Theologische Kolleg Canisianum in Innsbruck. Seit 2018 ist Pater Prassl Direktor des Kardinal König Hauses in Wien.