Mittlerweile nehmen sich immer mehr Menschen eine sogenannte Sabbatzeit im Berufsleben. In dieser Zeit widmen sie sich der Fortbildung, der Familie oder der Erholung, oder sie verwirklichen einen lang gehegten Traum. Gestärkt und motiviert durch neue Erfahrungen steigen sie danach wieder in den Beruf ein. Seit den Anfängen des Ordens ist eine solche einmalige Zeit für Jesuiten sogar institutionell vorgesehen: das Tertiat, die „dritte Erprobung“, rundet die ordensübliche Ausbildung ab.

Und so fand ich mich Mitte September 2018 mit neun Mitbrüdern aus China, Kenia, Frankreich, Italien, Polen, Belgien, der Slowakei und dem Libanon im „European Tertianship“ in Dublin/ Clontarf ein. Begleitet von zwei sehr erfahrenen Instruktoren, begaben wir uns auf die achtmonatige innere Reise. Die wichtigsten Stationen dieses Reflexionsweges waren die 30tägigen Exerzitien und ein „Experiment“, d.h. Praktikum von zweieinhalb Monaten sowie die durchgehende Beschäftigung mit den Gründungsdokumenten des Ordens und unterschiedlichen ergänzenden Impulsen für uns als Seelsorger. Schließlich ist es auch die Gruppe, die dem Einzelnen hilft, sich selbst und den Orden zu betrachten und über seinen eigenen Weg und seine Identität zu reflektieren. Da war keiner unter uns, der nicht überrascht die eine oder andere Entdeckung gemacht hat. Wenn wir uns nur die Zeit dafür nehmen, wird jeder Mensch entdecken, wie Gott ihn oder sie im Leben geführt hat. Es ist keineswegs übertrieben, dass wir durch solche „Entdeckungen“ der Spuren Gottes in unserem Leben eines wahren Wunders teilhaftig werden, das Einsicht schenkt, versöhnt, heilt und mit Zuversicht erfüllt. Ignatius nannte das Tertiat „Schule des Herzens“, und nur mit dem Herzen vermag man jene Zeichen der Bestätigung wahrzunehmen, die einem die Kraft und Ausdauer für die „Sendung“ geben. Ignatius wusste sehr wohl, was uns stark macht: Es ist die Annahme seiner eigenen Berufung, d.h. Identität als Jesuit.

Hilfen und Highlights auf diesem Weg waren für mich das Schreiben einer Autobiographie, die Exerzitien, viele Gespräche mit Mitbrüdern und der pastorale Dienst in einer fremden Sprache und Kultur. Zweieinhalb Monate durfte ich in einem Heim für behinderte Menschen in Spitak, Armenien, mithelfen und Seelsorger für das Haus der Missionaries of Charity sein. Respekt für den selbstlosen Dienst der Schwestern, Staunen über die Weite der ignatianischen Spiritualität und einige Freundschaften lassen mich dankbar auf diese Zeit zurückblicken.

Das European Tertianship in Dublin zählt zu den längsten Tertiatskursen. Diese Zeit des Entdeckens, Reifens und des Genießens ging Mitte Mai 2019 zu Ende, doch geblieben ist die Erfahrung, dass der großzügige Einsatz von Zeit für Gott wiederum großzügige Früchte schenkt.

Hans Brandl SJ

Autor:
Hans Brandl SJ – geb. 1972 in Brixlegg

Pater Brandl wuchs in Hart im Zillertal auf. Vor seinem Ordenseintritt 2005 studierte er Lehramt Musikerziehung und Religionspädagogik, Philosophie und Kirchenmusik in Wien. Nach dem Magisterium in Linz und dem Theologiestudium in Innsbruck kam er 2011 als Jugendleiter nach Wien-Lainz. Seit 2012 unterrichtete er Religion am Gymnasium Kollegium Kalksburg und war dort auch Schulseelsorger. Von 2014 bis 2018 war er zudem Rektor der Kirche St. Ruprecht in Wien. Im September 2018 hat Pater Brandl den letzten Ausbildungsabschnitt im Orden begonnen: im europäischen Terziat der Jesuiten in Dublin.