Der Begriff der Würde ist eng verbunden mit „Mensch-Sein“. Zurecht hat Würde daher für die meisten Menschen einen sehr hohen Wert. Sie ist eng verbunden mit sozialen Grundrechten und den Menschenrechten. Bei der näheren Betrachtung von Würde kommt es jedoch mit Blick auf weltweit unterschiedliche Rechtsvorstellungen immer wieder zu Kollisionen. Heute wird oft mehr über Werte gesprochen, um über Rechte und Würde von Menschen zu schweigen. Politische Parteien und ideologisch geprägte Gruppen fordern sehr zweckgerichtet den Schutz von besonderen „Werten“ wie Heimat, Sicherheit, Autonomie, Wohlstand. Der Eindruck entsteht, dass man an der Würde des Menschen immer weniger Interesse hat.

Nationalistische, territoriale und wirtschaftliche Vorlieben von einzelnen Menschen, Interessensgemeinschaften und Wirtschaftseinrichtungen – mit ihren entsprechenden zweckorientierten Wertmaßstäben – setzen sich immer stärker durch. „Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde“, hielt Immanuel Kant vor langer Zeit fest. Eine zunehmende Überbetonung zweckbedingter Werte – koste es, was es wolle – droht die Würde des Menschen zu einem raren Gut zu machen. Gleichzeitig mit der Forderung nach zweckabhängigen „Werten“ werden paradoxerweise ethische und moralische Haltungen wie Empathie, Anerkennung oder Gleichbehandlung mit großer Leichtigkeit aufgegeben.

Es ist heute notwendig, die Würde des Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Diese kommt in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in den Grundrechten der Österreichischen Verfassung deutlich zum Ausdruck. Der Wert aller Menschen ist gleich und alle Menschen haben bestimmte Rechte, die ihnen niemand wegnehmen darf. Dies gilt unabhängig von der Herkunft eines Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Religion, Sprache, sozialer Stellung, sexueller Orientierung, Staatsbürgerschaft, politischen und sonstigen Anschauungen. Würde haben wir alleine dadurch, dass wir Menschen sind. Menschenwürde darf man sich nicht verdienen oder erarbeiten müssen. Sie darf nicht nach Willkür einzelnen Menschen zugesprochen und anderen verwehrt werden – von niemandem! Jeder Mensch besitzt sie von Geburt an und doch wird sie viel zu oft missachtet. Ob es die Forschung an embryonalen Stammzellen ist, die Gewährleistung sozialer Grundrechte für ein menschwürdiges Leben armer, kranker und alter Menschen betrifft, oder die Rede von menschenwürdigem Sterben bei der Debatte um Sterbehilfe – es betrifft immer die Frage der Würde. Diese ist nicht nur ein abstrakter Begriff, sondern beinhaltet stets konkrete individuelle und gesellschaftliche Verpflichtungen, insbesondere die eigene Würde bewusst zu wahren. Die Achtung der Würde und individueller und kollektiver Freiheiten von Menschen sowie die Haltung, nicht zu diskriminieren, die Meinung anderer zu respektieren, faire Rechtssicherheit zu gewährleisten, soziale und gesundheitliche Grundversorgung bereitzustellen, Arbeitsmöglichkeiten, Bildung, Umwelt, Wohnungen zu fördern und vieles mehr, bilden eine starke und unverzichtbare Grundlage für sozialen Zusammenhalt und Fortschritt unserer Gesellschaften.

Würde kann unsere Welt verändern, wenn wir alle dazu beitragen, ihre tiefgreifende Botschaft zu verbreiten und ihren Wert zu bezeugen. Erinnern wir unsere Mitmenschen jeden Tag daran, wie wertvoll wir alle trotz unserer Schwächen und Fehler sind. Es liegt viel an uns selbst, die Würde anderer Menschen zu ehren und dabei die eigene zu stärken. Das macht den Wert der Würde aus.

P. Friedrich Prassl SJ

Autor:
Friedrich Prassl SJ – geb. 1964 in Bad Radkersburg

Pater Prassl arbeitete als Touristikkaufmann in Lausanne, Zürich und Toronto, bevor er 1992 in das Priesterseminar in Graz und 1995 in das Noviziat der Jesuiten in Innsbruck eintrat. Nach seinen philosophischen und theologischen Studien empfing Pater Prassl 2002 in Innsbruck die Priesterweihe. Es folgten eine mehrjährige Tätigkeit als Subregens, Studienpräfekt und Ökonom im Collegium Canisianum und ein Spezialstudium in Spiritualität in Rom. Von 2010 bis 2017 leitete er das Internationale Theologische Kolleg Canisianum in Innsbruck. Seit 2018 ist Pater Prassl Direktor des Kardinal König Hauses in Wien.