P. Hans Brandl SJ unterrichtet seit 2012 Religion am Gymnasium Kollegium Kalksburg in Wien und ist dort auch Schulseelsorger. Vergangenes Schuljahr hat er eine Pause vom Unterrichten eingelegt, um sich dem letzten Ausbildungsabschnitt eines Jesuiten, dem Tertiat zu widmen. Ab dem Schuljahr 2019/20 ist er wieder als Religionslehrer in Kalksburg tätig. Davor hatte er aber noch zwei Monate die Gelegenheit, sich in Boston (USA) intensiv mit Ignatianischer Pädagogik auseinander zu setzen.

Juni und Juli 2019 wurde ein lang gehegter Wunsch für mich Wirklichkeit: Ich erhielt Zeit und Möglichkeit, mich eingehender mit der Geschichte und den Prinzipien jesuitischer Pädagogik zu befassen. Aufgrund von einigen Kontakten und Erfahrungsberichten fiel meine Wahl für dieses Projekt auf das Boston College. An dieser Jesuitenuniversität wurde 2014 auf Initiative ihres Präsidenten P. William Leahy das „Institute of Advanced Jesuit Studies“ (IAJS; https://www.bc.edu/centers/iajs.html ) eingerichtet. Am Institut widmen sich drei Jesuiten und ihre Mitarbeiter/innen der Erforschung der Geschichte, Spiritualität und Pädagogik des Ordens. Das IAJS entfaltet eine beachtliche Lehr- und Publikationstätigkeit und setzt damit auch die Arbeit des „Institute of Jesuit Sources“ St. Louis (dessen Bibliothek ihm einverleibt wurde) fort.

Wie studiert man Ignatianische Pädagogik? Ich war in keinem Kurs eingeschrieben, so baute ich meine Arbeit als „freier Forscher“ auf Literaturstudium und Expertengespräche auf. Diese Methode hat mich zu meinem Ziel geführt, mir einen Überblick über das Feld sowie eine Grundlage für Lehrerfortbildungen zu verschaffen. Die Pädagogik ist ein Spannungsfeld, ja ein Kampfplatz weltanschaulicher, politischer und methodischer Positionen. Bald musste ich einsehen, dass zwei Jesuiten drei unterschiedliche Auffassungen von Ignatianischer Pädagogik (oder nicht besser „Jesuitische Erziehung“?) haben. Die bildungspolitischen Fronten bestehen in einer offenen, eher an den Prinzipien der Exerzitien orientierten Position und einer inhaltlich strikteren, eher an der Ratio studiorum orientierten Position auf der anderen Seite, die eine Minderheit darstellt. Für mich neu war die Perspektive, dass unsere US-Mitbrüder beim Stichwort „Jesuit Education“ nicht nur an die High-Schools, sondern auch, wenn nicht vornehmlich, an die Universitäten denken. Viel gerungen und reflektiert wird um die Identität der Katholischen Universität; einer ihrer besten Köpfe ist just in der Zeit meines Aufenthaltes verstorben: Michael J. Buckley SJ (+25.07.2019).  

Der Ertrag meines Aufenthalts besteht in einer Art Diplomarbeit, viel gesammelter Literatur und vielen Projekten sowie Fragen für die Praxis. Das wichtigste Ergebnis für mich war die Entdeckung der Exerzitien als pädagogisches Dokument: Ignatius verfügte tatsächlich über eine erstaunliche Intuition für transformatorische Lernprozesse und Methodik. Jesuiten haben schlicht aus der Erfahrung der Exerzitien unterrichtet: Wie können Kolleg/innen diese Erfahrung machen? Zweitens ist mir die Bedeutung der Geschichte qua Tradition aufgegangen. Prinzipien sind das eine, aber wie wurden sie tatsächlich umgesetzt d.h. adaptiert? Was und wie adaptieren wir heute und wie machen wir fehlende Tradition wett? Drittens fand ich eine Bestätigung dafür, dass die Prinzipien ignatianischen Lernens und Lehrens (Meisterschaft durch Übung und Wiederholung – reflektierte Aneignung – Selbstaktivität – christlicher Humanismus) einen überaus wertvollen und zeitgemäßen Weg für die Einzelnen wie für die Gesellschaft darstellen.

Es gibt kein Lernen ohne ansprechende Atmosphäre. Nicht nur klimatisierte Zimmer, großartige Bibliotheken und deren Service sowie schnelles WLAN ermöglichten ein intensives Studium. Sehr viel gelernt habe ich auch von den Mitbrüdern in vielen bereichernden Gesprächen bei Tisch, auf Ausflügen oder zwischendurch. Die zwei Monate in Boston waren ein Geschenk, für das ich dankbar bin und dessen Ertrag ich gerne teilen werde.                                                                                                                       

Hans Brandl SJ

Pater Brandl wurde 1972 in Brixlegg geboren und wuchs in Hart im Zillertal auf. Vor seinem Ordenseintritt 2005 studierte er Lehramt Musikerziehung und Religionspädagogik, Philosophie und Kirchenmusik in Wien. Nach dem Magisterium in Linz und dem Theologiestudium in Innsbruck kam er 2011 als Jugendleiter nach Wien-Lainz. Seit 2012 unterrichtet er Religion am Gymnasium Kollegium Kalksburg und ist dort auch Schulseelsorger. Von 2014 bis 2018 war er zudem Rektor der Kirche St. Ruprecht in Wien. Sein Terziat, der letzte Ausbildungsabschnitt eines Jesuiten, führte Pater Brandl 2018/19 nach Irland und Armenien.