„Freude des Evangeliums“, so lautet das Thema der aktuellen Ausgabe von JESUITEN. Die Bilder im Heft stammen von Homeboy Industries. 1988 gründete der Jesuit Gregory Boyle „Homeboy Industries“ und schuf damit einen Zufluchtsort für Gangmitglieder. Max Heine-Geldern SJ, Redaktionsmitglied von JESUITEN, durfte während eines sechswöchigen Praktikums selbst erfahren, wie das Projekt seit mehr als 30 Jahren die Freude des Evangeliums auf der Straße lebt. (*Die Namen der Personen wurden in diesem Artikel geändert.)

 

„Hier kannst Du die beiden Einschusslöcher sehen.“ Liam* führt mich durch seine Vergangenheit. Wir stehen an einer Straßenecke in Los Angeles. Es ist Grenzgebiet. Auf der anderen Seite entfaltet sich die Wohnsiedlung, in der Liam aufgewachsen ist. Sie steht unter der Schirmherrschaft einer Gang. Die beiden Opfer waren keine Gangmitglieder, aber ihre Kleidung sah für die vorbeifahrenden Schützen der verfeindeten Gang verdächtig aus. Eine Hauswand ist mit einem großen Graffiti geschmückt, das die beiden Jugendlichen neben anderen Opfern der vergangenen Jahre zeigt. Weitere Graffiti in der Siedlung erzählen vom Leben und Tod der Bewohner. Auch an Liams ältere Schwester wird erinnert. Auf seinem Schulweg fand er als Teenager häufig seine Mutter zugedröhnt an der Straßenecke liegen und musste sie gut hundert Meter nach Hause ziehen. Seine drei jüngeren Geschwister wurden von der Kinderfürsorge übernommen, er selbst übersiedelte ein paar Häuser weiter zu seiner Großmutter. In Liams Worten liegt kein Hauch der Klage oder Verbitterung. Vielmehr hätte er mich gerne die spielenden Kinder und miteinander essenden Nachbarn erleben lassen, doch an diesem Vormittag ist es ruhig. Trotzdem ist eine dem Tod trotzende Vitalität spürbar. Mit seiner Lebensgeschichte ist Liam zu einer wichtigen Stütze von Homeboy Industries geworden. Vor 30 Jahren gründete der Jesuitenpater Gregory Boyle dieses Resozialisierungsprogramm von Gangmitgliedern, mitten in einer Zeit als die Straßenschlachten pro Jahr mehr als 1.000 Todesopfer forderten. Als Case Manager ist Liam für unzählige Homies, wie sich die Gangmitglieder nennen, zum persönlichen Coach auf ihrem Weg der Heilung geworden.

Karens* Haarfarbe wechselt praktisch wöchentlich. Liedschatten, Lippenstift und Fingernägel dazu passend. Viele Jahre war sie psychisch und physisch völlig abhängig von ihrem Mann, bis sie ihn ins Gefängnis steckten. Es ist schwierig ihr Alter einzuschätzen. Überrascht wurde ich als sie im „Act It Out/ Anger Management“-Kurs über ihre Kinder erzählte. Es ist einer der über 30 wöchentlichen Workshops bei Homeboy Industries. Das Angebot reicht von Anonymen Alkoholiker-Treffen über Männeraustauschgruppen hin zu „Living Clean“ sowie von „Work Readiness“ hin zu „Finance Management“ und Führerscheinkursen. Ebenso werden kreative Einheiten wie „Music Heals“, „Art Heals“ oder „Poetry Writing“ angeboten. Nach einer 60tägigen Einstiegsphase beginnt das 18monatige Programm, begleitet und koordiniert vom persönlichen Case Manager. Es ist mühevolle Arbeit an sich selbst, Auseinandersetzung mit tiefen Wunden, eigenen Vergehen und Schwächen. Vor allem müssen die Homies nüchtern und clean sein, sonst begegnen sie nie ihrer eigenen Würde. Denn sie sind „exactly as God wanted you to be“ wie ihnen Father G Mantra mäßig zusagt. Heute ist Karens letzter Tag bei Homeboy. Sie ist nun bereit für ihre sechs Kinder und den neuen Job als Lastwagenfahrerin.

Emilie* sitzt neben dem Eingang von Homeboy. Die liebevolle Atmosphäre heitert sie auf. Sie würde ansonsten auf blöde Gedanken kommen. Der Vater ihrer beiden älteren Söhne wurde vor Jahren erschossen. Der Vater der drei jüngeren war 10 Jahre clean bevor er rückfällig geworden ist. Nun sitzt er für 60 Jahre im Gefängnis. Seit drei Monaten ist die Familie obdachlos. Sie kämpft sich durch. Ihre Stütze ist ihr 19jähriger Sohn. Er ist keiner Gang beigetreten. Seit heute arbeitet er neben der Schule bei Homeboy. Emilie gibt die Hoffnung nicht auf. Sie weiß, dass sie alle gestärkt aus der Krise kommen werden.

Über 12.000 Homies treten jährlich über die Türschwelle von Homeboy Industries. Sie alle bringen ähnliche Geschichten wie Liam, Karen oder Emilie mit sich. Sie werden mit offenen Armen willkommen geheißen. Anstatt für ihre Taten verurteilt zu werden, erleben sie Mitgefühl. Das ist die innere Motivation von Homeboy Industries: “Here is what we seek: a compassion that can stand in awe at what the poor have to carry rather than stand in judgment at how they carry it.” wie Father G es auf den Punkt bringt. In seinem Buch „Tattoos on the Heart. The Power of Boundless Compassion“ schildert er mitreißend Höhen und Tiefen einer solchen Hingabe, die zu einer beiderseitigen Wandlung führt. Diese für mich zutiefst christliche Begegnung mit meinem Nächsten durfte ich in meinem sechswöchigen Praktikum erleben.

Max Heine-Geldern SJ

Autor:
Max Heine-Geldern SJ – geb. 1981 in Wien

Max Heine-Geldern hat Architektur studiert. Über den Kontakt mit P. Sporschill und die Sozialprojekte Concordia führte sein Weg in den Jesuitenorden. Nach vier Jahren Jugendarbeit in Innsbruck studiert er nun in Rom Theologie.