Die Covid-19-Pandemie ist ein kollektives Ungewissheits-Experiment. Erkrankte und Gesunde, Fachleute und Laien, Politiker und Staatsbürger: Alle „fahren auf Sicht“, solange die Infektionswege, die Möglichkeiten von Behandlung und Vorbeugung und damit das Ende der Pandemie als Ausnahmezustand ungewiss sind. Mit Paulus gesprochen: Der Ausnahmezustand ist eine Bedrängnis, für die einen lebensbedrohlich, für die anderen mit lästigen aber erträglichen Einschränkungen verbunden. Bedrängnis, so Paulus (Röm 5,3 f.), bewirkt Geduld, wörtlich: Darunterbleiben (hypomoné). Ja, wir bleiben unter der Mund-Nase-Maske, unter der Infektionskurve der Johns-Hopkins-Universität, unter Shutdown und Lockdown, wir ordnen uns den Vorschriften der Politiker und Virologen unter, bis Lockerungen und Exit konzediert werden.

Ungewissheit, Bedrängnis und Geduld sind Menschheitserfahrungen im Umgang mit Seuchen, die alle treffen können, besonders aber die Armen in reichen Ländern und die armen Länder mehr als die reichen. Angst vor Ansteckung, Abschottung gegenüber den „Positiven“ und Suche nach einer wirksamen Behandlung begleitete auch die erste Phase der AIDS-Epidemie in den 1980er-Jahren. Ein prominentes Opfer der Seuche ist der Philosoph Michel Foucault (1926-1984), der den Diskurs von „Überwachen und Strafen“ am Beispiel der Pest beschreibt.

Das perfekte Gefängnis, so Foucault, ist das Panoptikum: Der Aufseher hat alle Gefangenen in Blick. Die Gefangenen wissen, dass sie jederzeit beobachtet werden können, aber sie sehen nicht und wissen nicht, von wem. Genauso überwacht die Gesundheitspolizei in Pestzeiten alle, die keine Sondererlaubnis zum Verlassen ihrer Wohnung haben, etwa um Kranke zu betreuen oder Tote zu begraben. Die Mächtigen „träumen“ von der Pest, weil sie zu Ordnung und Disziplin führt. Aspekte des Pest-Modells werden in der gegenwärtigen Coronakrise realisiert, besonders in Senioren-Einrichtungen, in totalitären Staaten mehr als in demokratischen. Insgesamt folgt die Covid-19-Pandemie jedoch dem Pocken-Modell: Beobachtung der Epidemiologie, Rückverfolgung der Infektionswege, Entwicklung eines Impfstoffes.

Von Foucault stammt auch der Begriff „Pastoralmacht“, der das biblische Motiv des guten Hirten in säkularisierter Weise aufgreift. Der Hirt kennt seine Herde, kümmert sich durch Überwachung um Leib und Leben jedes einzelnen Schafes. Wenn notwendig, werden kranke Tiere isoliert und besonders schutzbedürftige so lange zusammengepfercht, bis die Gefahr gebannt ist. Traditionell verstand man unter „Pastoral“ die (kirchliche) Seelsorge. Die neuen „Hirten“ jedoch sind Politiker, Ökonomen, Ärzte und Verwaltungsfachleute. In Pandemiezeiten wird der Mensch danach eingeteilt, ob er „positiv“, „negativ“, erkrankt, genesen oder (durch Covid-19) verstorben ist. Die psycho-sozio-spirituelle Dimension des Menschen erscheint demgegenüber nebensächlich: Angehörige, Trauerbegleiter, Hospizhelferinnen, Psychotherapeuten, Seelsorgende müssen um den Zugang zu Institutionen kämpfen oder werden ausgesperrt.

Die „Geduld“ in Corona-Zeiten kann als Aufschieben von all dem verstanden werden, das uns wertvoll, aber derzeit zu gefährlich ist: Besuche bei Eltern und Großeltern, Gottesdienste, Konzerte, Sportveranstaltungen und alle Aktivitäten, die mit Nähe zu tun haben, also auch der gewohnte Händedruck und die Umarmung. Ist also Spiritual Care, die Dimension der Seele in den heilenden Berufen, auf coronafreie Zeiten aufgeschoben? Oder deckt die Pandemie lediglich auf, was schon vor der Coronakrise unser Gesundheitswesen bestimmte: ein materialistisches Menschenbild, verfestigt durch falsche ökonomische Anreize?

In seinen letzten Lebensjahren spricht Foucault von der Spiritualität des mündigen Subjekts als Selbstsorge, als Zugang zur Wahrheit und als freimütige Rede (parrhesía). Spiritualität ist eine Gestalt des Widerstands gegen jede Macht, die entmündigt. Spiritualität als Widerstand meint aber weder romantisierendes Revoluzzertum noch irrationale Verschwörungstheorien.

Die Corona-Krise macht nicht nur die spirituellen Bedürfnisse kranker, pflegebedürftiger oder einsamer Menschen deutlich, sondern auch die spirituelle Dimension der helfenden Berufe, also der „Hirten“. Die Begriffe „Macht“ und „Subjekt“ (wörtlich: „das Unterworfene“) sind ebenso zwiespältig wie die Sorge der Hirten: Der Aufruf zur Geduld, zum Darunterbleiben in Pandemie-Zeiten ist durch das Wohl der „Herde“ begründet. Er kann aber auch missbraucht werden, um Herde und Hirten in einem Herrschaftssystem einzupferchen, das ihnen Freiheit und Kreativität raubt.

Spiritual Care ist Sorge für kranke, behinderte, pflegebedürftige Menschen, „einspringende Fürsorge“, wie Martin Heidegger formulierte. Damit diese Sorge auch „vorausspringend“ sein kann, Freiheit und Selbstsorge ermöglichend, brauchen die sorgenden Hirten nicht nur Fachkompetenz und Engagement. Es kommt auf die spirituellen Ressourcen der Helferinnen und Helfer an – nicht nur in Corona-Zeiten.

P. Eckard Frick SJ

Dieser Text erschien in der “Stimmen der Zeit” im August 2020.

Autor:
P. Eckhard Frick SJ

Der Jesuit Eckhard Frick SJ ist Professor für Anthropologische Psychologie an der Hochschule für Philosphie und leitet seit 2015 die Forschungsstelle Spiritual Care an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.