“Wie viel gesellschaftlichen Frieden habe ich gesät?” Die neue Enzyklika von Papst Franziskus wagt den “Traum von einer einzigen Menschheit”. Pater Andreas R. Batlogg SJ stellt sie uns vor.

»Ignatius von Assisi« hat der österreichische Journalist Rudolf Mitlöhner seinerzeit (DIE FURCHE 11/2013) den neuen Papst genannt, den ersten aus dem Jesuitenorden, der, auch das ein Novum, den Namen des italienischen Nationalheiligen wählte. Was Wunder, dass seine erste Sozialenzyklika »Laudato si`« (2015), die schnell als »Öko-Enzyklika« etikettiert wurde, am »Sonnengesang« des umbrischen Poverellos inspiriert war. Nun hat Franziskus am vergangenen Samstag – wo sonst? – in Assisi seine zweite Sozialenzyklika unterschrieben, die tags darauf veröffentlicht wurde, verfasst unter dem Eindruck der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die die Corona-Pandemie nicht verursacht, aber aufgedeckt oder zugespitzt hat.

Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft

Nachdem vor einigen Wochen der Titel des neuen Lehrschreibens bekanntgegeben wurde und hierzulande heftige (m.E. hysterische) Debatten über »Fratelli tutti« (FT) aufkamen und Andrea Tornielli aus dem Vatikan erklären musste, dass es sich um inklusive Rede- und Schreibweise handle, darf man jetzt über den deutschen Untertitel nicht überrascht sein: »Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft«. Mit der Anrede »Fratelli tutti« hatte sich Franz von Assisi seinerzeit »an alle Brüder und Schwestern« gewandt, »um ihnen eine dem Evangelium gemäße Lebensweise darzulegen« (FT 1). Am besten, man überträgt den Titel gar nicht erst aus dem Italienischen ins Deutsche. Fragen kann man, warum eine Enzyklika heute so beginnen muss. Aber das ist ein rein deutschsprachiges Problem, auch wenn der Papst in puncto Gendersensibilität gewiss Lernbedarf hat.

Hat Franziskus 2015 beim orthodoxen Patriarchen Bartholomaios Inspiration gefunden, erwähnt er diesmal ausdrücklich – und zwar gleich vier Mal – den ägyptischen Großimam Ahmad Al-Tayyeb. Als sie sich im Februar 2019 in Abu Dhabi trafen, unterzeichneten sie dort ein vielbeachtetes, innerkirchlich umstrittenes und höchst kontrovers gewertetes »Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt«, auf das Franziskus wiederholt zu sprechen kommt. Ganz am Ende erwähnt er (nach Franz von Assisi), dass er sich diesmal auch »von nichtkatholischen Brüdern (habe) inspirieren lassen: Martin Luther King, Desmond Tutu, Mahatma Gandhi und viele andere.« Und er verweist auf den »Weg der Verwandlung«, den Charles de Foucauld gegangen ist, der 1916 ermordet wurde (vgl. FT 286).

Die Welt braucht Hoffnung

Enzykliken vertiefen und führen weiter, was ein Papst auch sonst sagt und schreibt. So kann es nicht verwundern, dass er – neben Sozialenzykliken seiner Vorgänger Pius XI., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. – zitiert, was er selbst bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt hat oder in Videobotschaften mitgeteilt hat: vor dem Diplomatischen Korps, der Römischen Kurie, auf Reisen vor Vertretern des politischen und gesellschaftlichen Lebens, vor dem Europaparlament in Straßburg, vor der UNO. Wie schon früher sind wieder Dokumente von verschiedenen Bischofskonferenzen zitiert. Der Papst beginnt nicht bei null, er nimmt zur Kenntnis, was andere sagen.

Interessant ist auch, dass er zeitgenössische Autoren erwähnt: Gabriel Marcel, Paul Ricœur, Karl Rahner SJ (aus dessen Predigt »Bilanz von Neujahr« von 1954, allerdings hat sich im Zitat ein »selbst« eingeschlichen, das im Original nicht zu finden ist) oder Georg Simmel; aber auch zwei lebende Jesuiten: Antonio Spadaro und Jaime Hoyos-Vásquez. Drei Mal wird auf den Film von Wim Wenders »Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes« (2018) Bezug genommen: »Die Welt braucht Hoffnung«.

»Fratelli tutti« kommt oft auf »Laudato si`« zurück und auf das Apostolische Schreiben »Evangelii gaudium«. Wie schon 2013 kritisiert Franziskus auch hier die Trickle-down-Theorie und verweist gleichzeitig »auf die magische Vorstellung des Spillover« als exklusive »Wege zur gesellschaftlichen Lösung der Probleme« (FT 168). Er erinnert an die Finanzkrise 2007/08 und deren fatale Folgen (FT 170): Ob wir daraus gelernt haben? Migration, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismen, Populismus, Rassismus, Hassgruppen im Netz, soziale Aggressivität auf Mobilgeräten, Wachtürme und Verteidigungsmauern, die Mentalität der »Wegwerf-Kultur«, Relativismus, Religionsfreiheit: Diese Themen hat Franziskus auch anderswo schon berührt. Sie brennen ihm unter den Nägeln.

Wenn er der Politik empfiehlt, auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Zärtlichkeit zu achten, mag man das als realpolitische Naivität bezeichnen. Aber sind deren Methoden effektiver? Zielführender? Nicht umsonst wird an Hiroshima und Nagasaki erinnert, an Menschenrechte, Sklaven- und Menschenhandel, ethnische Säuberungen, Ausbeutung und sexuellen Missbrauch von Kindern, werden gleiche Rechte und gleiche Würde für Frauen (ein Bumerang-Thema für die katholische Kirche) eingeklagt.

Dass wir weltweit alle in einem Boot sitzen (vgl. FT 30, 31), dass Franziskus vor einem »dritten Weltkrieg in Stücken« (FT 25, 259) warnt, sich für Solidarität und Subsidiarität einsetzt, gehört sozusagen zur päpstlichen Pflichtrhetorik. Nichts abgewinnen kann er einem Präventivkrieg. Auch die Idee des »gerechten Krieges« und die Todesstrafe sind für ihn (anders als noch im Weltkatechismus) überholt (FT 258, 269). Diesbezüglich einkalkulierten »Kollateralschäden« begegnet er so: »Fragen wir die Opfer. Achten wir auf die Flüchtlinge.« (FT 261)

Franziskus ist nicht nur fromm, sondern auch konkret. Konkreter, als manchen Regierungen lieb sein dürfte. Etwa wenn er bei humanitären Krisen für vereinfachte Antragsverfahren plädiert und darum bittet, mehr Visa auszustellen (FT 130).

Fragen an die, die sich hinter Political Correctness verstecken

Wie liest man so eine Passage in einer Staatskanzlei oder im Bundeskanzleramt: »Im Hinblick auf die Zukunft müssen an manchen Tagen die Fragen lauten: ›Zu welchem Zweck? Worauf ziele ich wirklich ab?‹ Denn wenn wir nach einigen Jahren über die eigene Vergangenheit nachdenken wird die Frage nicht lauten: ›Wie viele haben mir zugestimmt, wie viele haben mich gewählt, wie viele hatten ein positives Bild von mir?‹ Die vielleicht schmerzlichen Fragen werden sein: ›Wie viel Liebe habe ich in meine Arbeit gelegt? Wo hat sie das Volk vorangebracht? Welche Spur habe ich im Leben der Gesellschaft hinterlassen? Welche realen Bindungen habe ich aufgebaut? Welche positiven Kräfte habe ich freigesetzt? Wie viel gesellschaftlichen Frieden habe ich gesät? Was habe ich an dem Platz, der mir anvertraut wurde, bewirkt?‹« (FT 197) Kann man sich da noch hinter Political Correctness verstecken?

Ein Seelsorger spricht aus »Fratelli tutti«: »Ich lade zur Hoffnung ein.« (FT 55) Und diese Enzyklika macht Hoffnung – und sie rüttelt auf! Ob ein anderer Lebensstil möglich ist? Ein neues Denken? Neues, anderes Handeln? Der barmherzige Samariter ist für Franziskus nicht nur eine nette Episode aus den Evangelien: »Die Erzählung – sagen wir es deutlich – liefert keine Lehre abstrakter Ideale und beschränkt sich auch nicht auf die Funktionalität einer sozialethischen Moral.« (FT 68) Er erinnert daran: »Die Zärtlichkeit ist die Straße, die die mutigsten Männer und Frauen beschritten haben« (FT 194).

Spiritualität der Geschwisterlichkeit versus Globalisierung der Gleichgültigkeit

Kurienkardinal Walter Kasper kennt den Papst gut. In der ZEIT (41/2020) schreibt er: »Franziskus ist kein liberaler, er ist ein radikaler, das heißt ein an die Wurzel (radix) des Evangeliums gehender Reformer. Das Evangelium ist für ihn kein sozialpolitisches Programm, aber auch kein weltfremdes frommes Gesäusel. Es ist ähnlich wie bei den Propheten des Alten Testaments und bei Jesus selbst eine Heilsbotschaft, die Konsequenzen, manchmal auch unbequeme Konsequenzen hat im Alltag der Welt.«

Acht Kapitel und 286 Abschnitte (mit 288 Fußnoten) umfasst »Fratelli tutti«: »Die Schatten einer abgeschotteten Welt« (1), »Ein Fremder auf dem Weg« (2), »Eine offene Welt denken und schaffen« (3), »Ein offenes Herz für die ganze Welt« (4), »Die beste Politik« (5), »Dialog und soziale Freundschaft« (6), »Wege zu einer neuen Begegnung« (7) und »Die Religionen im Dienst an der Geschwisterlichkeit der Welt« (8). Der »Globalisierung der Gleichgültigkeit« stellt diese Enzyklika eine »Spiritualität der Geschwisterlichkeit« entgegen.

Autor:
Andreas R. Batlogg SJ

 
Andreas R. Batlogg SJ ist 1962 in Lustenau/Vorarlberg geboren und 1985 in die österreichische Provinz der Jesuiten eingetreten. 1993 wurde er zum Priester geweiht. Er hat Philosophie und Theologie in Innsbruck, Israel und Wien studiert und eine Promotion über Karl Rahners Christologie abgeschlossen. Er war bis Dezember 2017 Herausgeber und Chefredakteur der Kulturzeitschrift “Stimmen der Zeit” und Mitherausgeber der „Sämtlichen Werke“ Karl Rahners. Heute lebt und arbeitet er in St. Michael in München. Zuletzt erschienen “Der evangelische Papst Hält Franziskus, was er verspricht?” (Kösel, 2018) und “Durchkreuzt. Mein Leben mit der Diagnose Krebs” (Tyrolia, 2019).