Wieder gedenken wir „Allerheiligen“ und „Allerseelen“. Aber was sind Heilige? Was macht sie besonders? Mir geht es an diesen Gedenktagen nicht um die Toten, weder die Heiligen noch die verstorbenen Angehörigen, es geht nicht um Reliquien, Gräber und Tränen. Mir geht es mehr um die lebendigen „Menschen, durch die die Sonne scheint“. Eine kurze Geschichte hat mir das deutlich gemacht. In dieser Geschichte kommt die kleine Eva bei einem Spaziergang mit ihrer Mama an einer Kirche vorbei. Sie sieht nach oben und meint: „Mama, die Fenster sind ja ganz schmutzig.“ Die Mutter sagt nichts, sondern geht mit ihr in die Kirche hinein. Plötzlich sind die Fenster strahlend bunt. Da staunte Eva. Eines findet sie besonders schön, durch das gerade die Sonne scheint. Menschen in bunten Kleidern sind zu sehen. Sie fragt: „Mama, wer sind die?“ „Das sind Heilige“, antwortet die Mutter. In der Schule fragt dann die Lehrerin: Weiß jemand von euch, was Heilige sind?“ Großes Schweigen in der Klasse. Da springt Eva auf und sagt: „Heilige, das sind Menschen, durch die die Sonne scheint.”

Gerade selbst betroffen von einer Covid19-Infektion denke ich besonders an hilfreiche Menschen, Mitbrüder, Mitarbeiter*innen, Ärzt*innen, mitsorgende Angehörige und Freund*innen – besondere „Menschen, durch die die Sonne scheint“ – auf einfache Weise. Mit dieser Geschichte möchte ich den vielen Menschen herzlich danken, die unser aller Leben immer wieder bereichern. Ich möchte hinweisen auf alltägliche Situationen, in denen es in unserer Hand liegt, immer mehr ein klein wenig „heilig“ zu sein, genau dort, wo wir uns gerade befinden. Die Heiligen, an die ich denke, sind keine perfekten Menschen – sie sind wie du und ich.

Auf vielfältige Weise bringen sie die Sonne in die Herzen ihrer Mitmenschen, eine Sonne, die dann auch das eigene Leben immer heller, freundlicher und glücklicher macht: durch Achtsamkeit und Respekt im Umgang mit anderen, durch Ehrlichkeit und Offenheit, durch Hilfsbereitschaft und aufmunternde Worte, durch Freundlichkeit und einfache Bodenständigkeit, durch ihr stilles „Da-sein“ und gemeinsames Schweigen, wenn es nötig ist, durch liebevolle Zuwendung und Fröhlichkeit, die uns trotz allem zum dankbaren Lächeln bringt. Das wäre die Aufgabe aller Heiligen!

So erleben wir andere „Menschen, durch die die Sonne scheint“ und so erleben andere Menschen hoffentlich uns selbst. Allerheiligen ist für mich kein Fest von unerreichbarem Heldenmut und Glaubenszeugnis einiger weniger, sondern von beispielhaftem, heiligem Wirken vieler Menschen im Kleinen, Unscheinbaren, Alltäglichen. Ich wünsche uns allen in diesem Sinn gesegnete Festtage, Mut, Zuversicht und vor allem gute Gesundheit.

Autor:
Friedrich Prassl SJ – geb. 1964 in Bad Radkersburg

Pater Prassl arbeitete als Touristikkaufmann in Lausanne, Zürich und Toronto, bevor er 1992 in das Priesterseminar in Graz und 1995 in das Noviziat der Jesuiten in Innsbruck eintrat. Nach seinen philosophischen und theologischen Studien empfing Pater Prassl 2002 in Innsbruck die Priesterweihe. Es folgten eine mehrjährige Tätigkeit als Subregens, Studienpräfekt und Ökonom im Collegium Canisianum und ein Spezialstudium in Spiritualität in Rom. Von 2010 bis 2017 leitete er das Internationale Theologische Kolleg Canisianum in Innsbruck. Seit 2018 ist Pater Prassl Direktor des Kardinal König Hauses in Wien.