Wien, 16.12.2020 – Stellungnahme von P. Dr. Christian Marte SJ, Rektor des Jesuitenkollegs Innsbruck, im Namen der Österreichischen Provinz der Gesellschaft Jesu zur Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes:

Am 11. Dezember 2020 hat der Österreichische Verfassungsgerichtshof entschieden, dass das Verbot jeder Art der Hilfe zur Selbsttötung (§ 78 StGB) verfassungswidrig ist. Die Begründungen des Verfassungsgerichtshofes haben weitreichende Folgen.

Mit fünf Punkten bin ich nicht einverstanden:

  1. Bisher war klar: Suizide sollen verhindert werden. Jetzt besteht ein Recht auf Selbsttötung, für das ich auch die Hilfe eines Dritten in Anspruch nehmen darf. Bisher Suizidprävention, jetzt Suizidassistenz. Das ist eine fundamentale Veränderung dessen, was bisher in Österreich als richtig und falsch gegolten hat.
  2. Der Verfassungsgerichtshof hätte andere Möglichkeiten gehabt. Er hätte die Strafandrohung für die Assistenz beim Suizid aufheben können. Nun aber wird der Suizid eine grundrechtlich abgesicherte Option beim Sterben. Und ich habe das Recht, dass andere mir dabei helfen. Suizid wird eine gesellschaftlich akzeptable Form des Sterbens.
  3. Sieben Mal verwendet der Verfassungsgerichtshof die Formulierung „freie Selbstbestimmung“ in seinen Entscheidungsgründen. Wenn nun die legale Möglichkeit des assistierten Suizids geschaffen ist, dann ist es unausweichlich, dass sich Menschen in schwierigen Situationen fragen: Soll ich mich suizidieren? Innerer Druck ist unvermeidlich, gerade wenn man anderen nicht zur Last fallen möchte. Das Ideal der freien Selbstbestimmung in Grenzsituationen ist in der Realität nicht zu erreichen, auch nicht durch gesetzliche Bestimmungen.
  4. An der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes ist zu kritisieren, dass sie ausschließlich die freie Selbstbestimmung des Einzelnen betont. Autonomie realisiert sich aber immer mit anderen zusammen. Von einem Suizid sind immer mehrere Personen betroffen. Das Leid dieser Menschen wird durch den Verfassungsgerichtshof nicht beachtet.
  5. Mit dieser Entscheidung hat der Verfassungsgerichtshof das Tor zur Euthanasie geöffnet. Aus dem Recht auf Hilfe bei der Selbsttötung wird bald das Recht werden, von jemandem getötet zu werden. Wie sollen dann alte, kranke oder behinderte Menschen geschützt werden? Ökonomische Interessen werden sich durchsetzen.

Ich halte die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes für falsch.

P. Dr. Christian Marte SJ

P. Christian Marte SJ studierte in Innsbruck Betriebswirtschaftslehre und promovierte darin 1990.  Von 1991 bis 1999 arbeitete er beim Österreichischen Roten Kreuz in Wien, zuletzt als stellvertretender Generalsekretär. 1999 ist Christian Marte SJ ins Noviziat der Jesuiten in Innsbruck eingetreten. Es folgten das Philosophiestudium in München und das Theologiestudium in London und Innsbruck. 2008 wurde er zum Priester geweiht. In der Folge leitete er bis 2017 das Kardinal König Haus in Wien, das Bildungszentrum der Jesuiten und der Caritas. Ehrenamtlich ist er in der Gefängnisseelsorge tätig. Seit 1. Juni 2018 ist er Rektor des Jesuitenkollegs in Innsbruck und zugleich Kirchenrektor der dortigen Jesuitenkirche.

Die Österreichische Provinz der Gesellschaft Jesu engagiert sich seit Langem im Bereich von Hospiz, Palliative Care und Demenz. Im Kardinal König Haus, dem Bildungszentrum der Jesuiten und Caritas, wird dem durch einen eigenen Bereich Rechnung getragen. Mehr Informationen zu Angeboten für ehren- und hauptamtliche Tätige in Hospiz- und Palliativeinrichtungen, Angehörigen von schwerkranken Menschen oder Menschen mit Demenz und am Thema Interessierte finden Sie unter:

Hospiz, Palliative Care und Demenz im Kardinal König Haus

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