Tagebuch von der
Jugendsynode

Dreieinhalb Wochen debattieren Bischöfe, Fachleute und auch einige Jugendliche aus der ganzen Welt im Oktober 2018 im Vatikan über Jugend, Glaube und Erkenntnis der Berufung. Mit dabei war als eingeladener Experte aus Deutschland. Als Leiter der Zukunftswerkstatt der Jesuiten in Frankfurt und als ehemaliger Studentenpfarrer kennt er die Erfahrungswelt junger Erwachsener, die auf einer geistlichen Suche sind, sehr gut. Für Vatikan News schrieb er einen Blog, der hier nachgelesen werden kann.

Tag 1

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Name ist Pater Clemens Blattert SJ. Ich bin Jesuit, stamme aus dem Südschwarzwald, mittlerweile bin ich 40 Jahre alt und war sechs Jahr Studentenpfarrer in Leipzig. In den vergangenen zwei Jahren habe ich zusammen mit jungen Leuten die Zukunftswerkstatt SJ in Frankfurt aufgebaut. Sie ist ein Ort, wo junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren nach ihrer Berufung suchen können.

Weil überdurchschnittlich viele junge Menschen unsere Angebote aufsuchen, schlug mich die Deutsche Bischofskonferenz als Peritus, als Experten für die heute begonnene Bischofssynode in Rom vor. Warum? Das Thema der Synode lautet: Jugend, Glaube und Berufungsunterscheidung.

Auf diesem Blog möchte ich von meinen Erfahrungen und Gedanken berichten und Sie mit auf den Weg dieser Synode nehmen. Ich freue mich, wenn Sie mich begleiten, denn darin wird der Grundgedanke einer Synode deutlich: Synode wird übersetzt mit „Gemeinsamer Weg“.

Beim Zweiten Vatikanischen Konzil machten die Bischöfe aus aller Welt deutlich, dass sie mehr Gehör bei der Leitung der Kirche haben möchten. Da ein regelmäßiges Konzil zu teuer, organisatorisch zu kompliziert und Gespräche zwischen mittlerweile 5.000 Bischöfen weltweit sehr umständlich wären, führte Paul VI. 1965 die Synoden ein: Eine Auswahl von ca. 250 Bischöfen beraten den Papst seither zu einem bestimmten Thema. Papst Franziskus hat zum 50. Jubiläum der Synode 2015 eine Ansprache gehalten, in der er von seiner Vision einer Kirche spricht: Kirche ist Synode, es geht um das gemeinsame Vorangehen. Wir sollen aufeinander hören und gemeinsam auf Gott.

Im Vorfeld hörte ich viele kritische Stimmen, dass zu viele Bischöfe bei dieser Synode sprechen werden und zu wenige Jugendliche. Vielleicht ist das wieder eine Zeit in der Kirche, die zeigt, dass auch Laien stärker in die Leitung der Kirche eingebunden werden sollen.

Gestern war der große Anreisetag. Als ich in Frankfurt aufbrach, spürte ich eine gewisse Nervosität. Vor allem wusste ich nicht, was mich wohl erwarten würde. Außer meinem Schlafplatz, einem informellen Abendessen mit den anderen Experten am Abend und dem 10 Uhr Termin für den Beginn der Eröffnungsmesse heute am Morgen wusste ich nichts.

Das Schutzengelfest war mit der Antiphon aus der Laudes ein guter Start in den gestrigen Tag: „Der Herr lenkt Deinen Weg.“ Und schon im Flugzeug begann ER zu lenken. Dort saß ein Bischof. Kurzentschlossen wollte ich ein kurzes Interview mit dem Smartphone machen und stellte mich vor: Ich bin Jesuit… Noch bevor ich aussprechen konnte, sagte er: „Ich auch.“ Überrascht stellte ich fest, dass Jean-Claude Hollerich SJ, Erzbischof von Luxemburg, der Vorsitzender der Jugendkommission der europäischen Bischofskonferenz vor mir sitzt. Nach einer kurzen Unterhaltung fragte ich direkt, wie er zu seiner Unterkunft kommt. Er wird abgeholt, antwortete er, und ob ich nicht mitfahren wolle. So unkompliziert hatte ich noch keine Anreise in die Ewige Stadt: Der Herr lenkt.

Beim informellen Kennenlernen der Expertengruppe wurde mir schnell klar, dass eine These nicht stimmt: dass ausgewogen Frauen und Männer vertreten sind. In unserer Gruppe von 23 Personen gibt es nur fünf Frauen. Ausgewogen ist für mich anders. Naja, die Kirche ist eine Lernende…

Dennoch konnte ich in die Vielfalt der Kirche eintauchen – und genau das fasziniert mich am meisten: Man kann hier viele beeindruckende Menschen kennen lernen. Nur um einige Vorzustellen:

Beim Abendessen mit den Experten saß Chiara neben mir. Sie ist Soziologieprofessorin in Mailand, Mutter von fünf leiblichen und zwei adoptierten Kindern. Außerdem nimmt sie immer wieder Studenten und Flüchtlinge in die Familie auf. Ob das nicht sehr anstrengend ist, fragte ich sie. Natürlich, aber es ist pralles Leben und das liebe sie so sehr.

Danach kam ich mit Joao, einem Ordensmann ins Gespräch – er gehört zur Gemeinschaft Schalom, in Brasilien vor 36 Jahren gegründet. Ihr Charisma ist die Evangelisation der Jugend. Er arbeitet hier in Rom beim Dikasterium (eine Art Ministerium) für Laien und Familie. Ob ihm die Arbeit mit Jugendlichen bei seinem Bürojob nicht fehle? Nein, antwortet er, weil er ein Jugendzentrum hier in Rom mitbetreut, sodass er an der Basis überprüfen kann, was er im Büro macht.

Und da ist Toufik, Priester aus Beirut und Cousin eines Mitbruders, mit dem ich selbst zusammenarbeite. Für die maronitische Kirche organisiert er einen Verband von 8.000 Jugendlichen, die vor Kurzem ein Jugendfestival im Libanon organisierten, das erste nach dem Krieg. Es sei ein großes Freudenfest gewesen. Jetzt gründen sie gerade in einem ehemaligen Kloster ein Zentrum, um junge Menschen für die Verkündigung des Evangeliums auszubilden. Wie viel Mitarbeiter er habe, fragte ich. Er lachte und sagte, keine, wir haben doch kein Geld wie ihr in Deutschland. Das machen die jungen Leute alles freiwillig.

Toll, diese beeindruckenden Menschen kennenzulernen und dann auch noch bei herrlicher Pasta und kühlem Wein…

Ein ganz anderes Ambiente war dann das Umziehen für die Messe heute Morgen im Petersdom. Die Synodenväter und alle anderen Priester trafen sich. Man kann sagen, was man will, aber das funktionierte perfekt. Jeder bekam eine Albe in der richtigen Größe. Die Leute wurden sortiert aufgestellt, die Messe begann, ohne große Ansagen wurden wir zum Kommunionausteilen angeleitet – alles lief wie am „Schnürle“.

Die Messe war einfach, gesammelt, still – schön für uns Geistliche. Ob davon schon eine Message zur Jugend ausgehen sollte? Wohl eher nicht, denn die Jugendlichen kamen kaum vor. Da hätte man allein schon durch die Messgestaltung ein ganz anderes Zeichen setzen können.

Dafür war der Papst allerdings wieder in Hochform: Die Bischöfe sollen Träume für die Kirche haben und die jungen Leute inspirieren, zu Propheten und Visionären der Kirche zu werden.

Mal sehen, ob die Bischöfe und Kardinäle im Laufe der nächsten Wochen wirklich ins Träumen kommen. Ich bin überzeugt, Gott hat einen großen Traum für uns Menschen und die Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Jugendlichen hilft hoffentlich, diesen großen Traum neu entdecken zu können!

Bis morgen zu einem neuen Stück des gemeinsamen Weges …

Clemens Blattert SJ

Tag 2

Gestern Nachmittag konnte ich den Papst hautnah erleben. Während wir vor der Aula standen und alle sich noch orientierten, kam der Papst ganz allein mit Akten unter dem Arm und einer Tasche in der Hand um die Ecke. Am Eingang begrüßte er die Schweizer Gardisten per Handschlag, stellte sich in den Eingangsbereich und schüttelte ganz selbstverständlich die Hände der Teilnehmenden. Unkompliziertheit und Herzlichkeit, das prägte die Stimmung des ersten Synodentags.

Bei der Eröffnungsansprache spürte man: Der Papst hat ein Anliegen. Er will, dass sich die Kirche aufmacht, verändert und lebendiger wird. Seine Rede war motivierend, sie war ernst, aber doch auch immer mit humorvollen Passagen gewürzt. So sagte er: „Von dieser Synode soll nicht nur ein Dokument erscheinen, das normalerweise von wenigen gelesen, aber von vielen kritisiert wird, sondern vor allem konkrete pastorale Initiativen erarbeitet werden.“

Durch diese Ansprache, seine Art und sein Auftreten wurde mir wieder vor Augen geführt, dass dieser Papst ein echter Lehrender ist, weil eindeutig klar wird, dass er aus tiefster innerer Überzeugung auch ein Lernender sein will.

Anschließend lag das Wort bei zwei Kardinälen, die von den Vorbereitungen für die Synode erzählten. Ich musste schon aufpassen, dass mir der vom Papst ausgehende Schwung nicht schon wenige Minuten später wieder genommen wurde. Doch auch das scheint mir nicht ungewöhnlich.

Speziell bei einer so großen Gruppe, die so noch nie zusammengekommen ist, ging es gestern und heute vor allem um das Kennenlernen. Es ging dabei um die Abläufe im Allgemeinen, es ging um Technikfragen bezüglich der Abstimmungen und es ging darum, ein Gefühl für die Versammlung zu bekommen: Wer ist da und wen kenne ich? Welche Gruppen sind überhaupt da? Mit wem komme ich ins Gespräch und kann mich austauschen? Es fühlt sich ein wenig an wie beim Sport: Wir wärmen uns erst einmal auf.

Gestern trafen wir uns auch als deutsche Delegation im Gästehaus der Bischofskonferenz und konnten uns dort näher kennenlernen sowie erste Eindrücke teilen. Ziemlich wichtig, damit unsere Zusammenarbeit in den nächsten Wochen auf einem soliden Fundament steht.

Mich selbst beschäftige – nicht nur gestern bei den ersten Gesprächen, sondern auch in den Wochen davor – die Frage: Kommen die Jugendlichen bei dieser Synode zu Wort? Oder hören sich die Bischöfe doch nur gegenseitig zu? Bei den doch etwas trockenen Eröffnungsreden wurde mir aber das Vorgehen klar: Durch die weltweite Online-Umfrage, durch die Vorsynode und vielen Eingaben im Vatikan wurde das Instrumentum laboris erstellt. Das ist ein Abbild der Lebenswelt, der Wünsche und Hoffnungen der Jugendlichen. Jetzt ist die Aufgabe bei den Bischöfen auf diese Intervention der jungen Leute zu reagieren. Die Jugendlichen haben gesprochen – die Bischöfe müssen jetzt ihr Sichtweise zu den Themenkomplexen darlegen und dabei zeigen, ob sie die Jugend wirklich verstanden haben oder ob sie über ein „weiter wie bisher“ nicht hinauskommen.

Aber dass die Kirchenführung es ernst meint, wird in der Zusammensetzung der Synode mehr als deutlich: Alle Kardinäle, die ein Dikasterium (Ministerium) leiten, sitzen in der Aula und hören zu. Über 250 Bischöfe beraten, man könnte fast sagen, verschwenden viel Zeit, indem sie sich mit den Fragen und Anliegen der Jugend befassen. Ich aber leite für mich daraus ab: Die Kirche meint es mit ihrem Versuch wirklich ernst, sie will als Lehrende erst eine Lernende sein.

Heute war ich überrascht, wie offen und wie vielfältig geredet wurde. Der Tag war geprägt von vierminütigen „Interventiones“ von Bischöfen. Letztere reagieren mit diesen auf das Instrumentum laboris. Der eine gestaltete den Beitrag wie eine kleine theologische Vorlesung, der nächste wie eine soziologische Analyse. Wieder ein anderer machte daraus einen spirituellen Vortrag. Andere gaben einfach ein persönliches Zeugnis, manche auch ein politisches Statement. Es war sehr spannend, diese Vielfalt an entstehenden Emotionen zu sehen. Die Bischöfe hörten auf den Papst, er ermutigte sie immer wieder, offen zu reden. Und das tun sie.

Und obwohl nur 30 Jugendliche hier in der Aula sitzen – gerade sie zeigen mit begeisterten Rufen und Applaus sehr deutlich, was sie anspricht!
Nur eine Sache wundert mich sehr: Wir Teilnehmer haben selbstverständlich alle unsere Laptops dabei, dennoch wird unzähliges Papier ausgeteilt, was man einfach als pdf-Dokumente hätte zur Verfügung stellen können. Was ist mit Laudato si? Ein lobendes Gegenbeispiel kann ich mir hier an dieser Stelle nicht verkneifen: Die Versammlung der Jesuiten vor zwei Jahren. Da gab es kein Papier mehr, sondern alles lief elektronisch.

Zum Schluss ein Zitat, das mir gestern besonders aufgefallen ist und das mich sehr anspricht. Denn das ist es, was ich mir sehr wünsche, sowohl für mich selbst als auch für die Kirche:
„Ein Glaube, der uns nicht in eine Krise führt, ist ein Glaube in der Krise; ein Glaube, der uns nicht wachsen lässt, ist ein Glaube, der wachsen muss; ein Glaube, der nicht Fragen aufwirft, ist ein Glaube, über den wir uns Fragen stellen müssen; ein Glaube, der uns nicht belebt, ist ein Glaube, der belebt werden muss; ein Glaube, der uns nicht erschüttert, ist ein Glaube, der erschüttert werden muss.“ (Instrumentum Laboris 73, ein Zitat von Franziskus aus der Weihnachtsansprache vor der Kurie 2017)

Bis Morgen! 
Clemens Blattert SJ

Tag 3

Die Synode hat das große Ziel, den Willen Gottes für die Kirche im Heute zu erkennen. Es geht also darum, auf den Heiligen Geist zu hören. Aber eben gerade das ist für mich in den letzten Tagen eine echte Herausforderung. Da ich erst kurz vor der Synode berufen wurde, musste ich im Vorfeld viele Termine umsortieren und organisieren und die Reise vorbereiten. Kaum hier angekommen eile ich von Termin zu Termin, halte Smalltalk mit vielen verschiedenen Leuten, bin zum Essen und Leute kennenlernen eingeladen und kenne außerdem viele Mitbrüder, in der Jesuitenkommunität, die sich über das Wiedersehen freuen. Zudem wollen Mails beantwortet werden und für Instagram muss ich Fotos machen.

Für einen Termin nehme ich mir aber bevor ich abends müde ins Bett falle, immer Zeit: meinen Tagesrückblick. Während dieser halben Stunde habe ich bemerkt, wie wenig offen ich für mich und das Hören auf Gott bin. Dieses „kirchliche Event“ ist mit seiner Geschäftigkeit eine Versuchung, sich für den Geist Gottes zu verschließen.

Aber wie sieht mein geistlicher Tag aus? Um 7:00 Uhr feiern wir Jesuiten hier in der Kurie (Haus für die zentrale Verwaltung des Jesuitenordens) eine schlichte und einfache Messe. Das tat mir heute Morgen richtig gut. Die Messe ist ruhig, die Mitbrüder sind gesammelt und ich merkte heute Morgen, wie mir ihre Ruhe und Sammlung geholfen haben. Danach gibt es Frühstück.

Um 8:00 Uhr hätte ich zwar die Möglichkeit für eine Stille Zeit, in den letzten Tagen war das aber nicht möglich. Doch jetzt glaube ich, dass ich meinen Rhythmus mehr und mehr finde, ich freue mich darauf, das Tagesevangelium zu betrachten. Mir ist das wichtig, denn wie Ignatius sagt, disponiere ich mich dort, werde ich offen für das Wirken Gotte und finde eine Einstellung, die hoffentlich den Tag über bleibt. Diese Zeit der Stille brauche ich auch, um mit mir in Kontakt zu sein, statt nur im „Außen“, nur so kann ich dann auch wieder für andere offen sein. Etwas, das ich jeden Tag erneuern muss, weil die Türen meines Herzens schnell zufallen.

Wenn wir um 9:00 Uhr alle in der Aula angekommen sind, beten wir gemeinsam die Terz auf Latein. Weil ich kein Latein kann, murmle ich zwar mit, aber in eine wirkliche Offenheit für IHN komme ich da nicht.

Doch da sind diese besonderen drei Minuten, die der Papst eingeführt hat. Nachdem fünf Leute gesprochen haben, nach ca. 25 Minuten, wird es ganz still im Raum. Wir lassen das Gehörte nachklingen. Gestern wurstelten noch viele an ihrem Laptop und an ihrem Platz weiter, aber man merkt deutlich, dass die Leute beginnen, diese drei Minuten zu schätzen. Ich lehne mich zurück und schaue, was Resonanz in mir findet. Heute waren das interessanterweise zwei Pausengespräche.

Der Vor- und Nachmittag werden in der Aula mit dem „Engel des Herrn“ beendet. Der Papst nuschelt das Gebet zwar ins Mikrophon, aber das hat etwas. Dieses einfache Gebet bringt das Geschehen auf den Punkt: Ein junger Mensch wird von Gott angesprochen und ist offen für ihn, sagt ja. Das ist Aufgabe der Kirche – das ist es, was die Kirche jungen Menschen eröffnen will. Nicht im Weg stehen, damit sie diese Begegnung mit Gott erleben können.

Wenn ich selbst in das Hören hineinkomme, bin ich auch empfänglich und von Zeit zu Zeit werde ich durch Beiträge von Menschen bewegt:

Da war beispielsweise ein Teil aus Weihbischofs Wübbes Redebeitrag: Sozial schwache Jugendliche sind wie weggeworfene Steine, aber sie können für die Kirche Ecksteine werden, wenn wir uns ihnen zuwenden. Auch ein kurzes Interview mit Chiara hat mich heute Morgen bewegt. Ich fragte sie, wie sie ihre Berufung gefunden hat. “Das Leben hat mir meine Berufung gezeigt.” Zack, das saß. Oder als Fr. Alois aus Taizè das Wort hatte.

Aber warum habe ich eigentlich genau diese drei Leute „gehört“? Es hat vor allem damit zu tun, dass sie anders gesprochen haben. Mir fiel auf, dass alle drei geistliche Menschen sind – sie sprechen nicht, um gehört zu werden. Sie sprechen von dem, was sie erfüllt. Sie leben ihre von Gott geschenkte Berufung und teilen sie. Das kommt an!

Vieles Richtige hört man in der Aula, aber weniges berührt, weil es eben nicht aus dieser inneren Mitte kommt. Diese Einsicht haben auch viele Synodenväter: Deshalb kommt die Botschaft bei den jungen Menschen nicht an. Es geht den jungen Menschen um den persönlichen Antrieb des Gegenübers, nicht um das absolut Richtige.

„Zuhören“ ist dem Papst unglaublich wichtig. Aber damit ich das kann, brauche ich eine offene Haltung. In der Synodenaula merkt man, dass bisher nicht aufeinander reagiert wird: Jeder hat sein Anliegen. Das macht es hart im Miteinander.

Kurzum: Der Geist ist am Werk, aber es gibt noch viel Verschlossenheit – leider auch in mir. Ich merke selbst, dass ich hier, auch wenn ich auf einer kirchlichen Veranstaltung bin, viel üben muss, in die Offenheit zu kommen. Nur dann kann ich wirklich zuhören und die „mociones“, wie Ignatius es nennt, wahrnehmen.

Im Sommer habe ich über sechs Wochen Exerzitienkurse gegeben. Einen nach dem anderen – das war im Vergleich doch ziemlich leicht. Der Stresstest geistlichen Lebens ist vielleicht nicht der Alltag, sondern eine kirchliche Versammlung!

Tag 4

Bei der Synode fällt eins besonders auf: Zwei Ordensgemeinschaften sind stark vertreten – die Salesianer und die Jesuiten. Jetzt könnte man vielleicht vermuten, dass das mit den Sondersekretären zusammenhängt, die die Synode vorbereitet haben. Pater Rossano Sala SDB ist Professor für Jugendpastoral und gehört zum Salesianerorden. Pater Giacomo Costa SJ ist Jesuit und leitet ein Kulturzentrum. Kennt man die Charismen der Ordensgemeinschaften, verwundert diese Tatsache nicht mehr. Don Bosco, der Gründer der Salesianer, stammte selbst aus ärmsten Verhältnissen. Er wollte für die Kinder und Jugendlichen, die auf der Straße verwahrlosen durch Sport, Bildung und vor allem durch Freundschaft, neue Perspektiven aufzeigen. Die Jesuiten legen bei ihren Letzten Gelübden sechs sogenannte Zusatzgelübde ab. Eines davon ist: Ich als Jesuit verpflichte mich, mich besonders für die Jugend einzusetzen. All die Salesianer und Jesuiten haben in ihren Sozialzentren, Werkstätten, Wohnheimen, Schulen, Jugendverbänden, Universitäten und Studentengemeinden mit unzähligen jungen Menschen zu tun. Dabei prägen nicht nur die Ordensleute, die Jugendlichen, sondern die Jugendlichen prägen auch das Denken, Fühlen und Handeln der Ordensleute. Man spürt, dass in den Salesianer- und Jesuitenbischöfen diese Kinder und Jugendlichen bei dieser Synode präsent sind und dass die Bischöfe vom Brennen für die gute Entwicklung junger Leute erfüllt sind. Es blitzt in ihren Beiträgen immer wieder auf.

Auch wenn wir erst am Mittwoch mit der Synode begonnen haben, schließt sich doch mit dem heutigen Samstag eine erste Phase. Ich habe den Eindruck, die Aufwärmphase ist geschafft. Mir ist es gestern Abend bei mir selbst aufgefallen: Neben der Generalversammlung (alle sind zusammen in der Synodenaula und einer redet nach dem anderen), der Expertengruppe (wir treffen uns täglich zum Austausch für eine Stunde) fand gestern die erste Sitzung der Circuli Minori statt. Das sind Gruppen bestehend aus den Bischöfen, Auditoren und jeweils einem Experten. Sie sind nach Sprache eingeteilt. Ich selbst gehöre zur Deutschen Sprachgruppe.

Mir wurde jetzt richtig klar, wie der Suchweg der Synode funktioniert. Der erste, sehr große Resonanzraum ist die Generalversammlung. Man bekommt mit, wie die Stimmung ist und welche Themen behandelt werden. Der zweite Resonanzraum ist die Expertengruppe. Wir tauschen uns über das Gehörte aus und überlegen, welche Themen wir bei den Synodenvätern wahrnehmen. Diese Überlegungen werden dann von den Sondersekretären gesammelt. Die dritte Ressonanzgruppe sind dies circuli minori. Auch sie sollen die Möglichkeit zu hören geben. Und nicht nur das, hier können gemeinsam Anmerkungen zum Text besprochen werden und kann überlegt werden, welche Eingaben die Gruppe machen will.

Ich muss sagen, dass mich diese Gruppe schon in den ersten zwei Sitzungen wirklich begeistert hat. Hier wird wirklich gesprochen, aufeinander gehört, gesucht, sich ausgetauscht, reagiert. Hier kommt ein echtes Gespräch, Ringen und Suchen zustande. Mir wurde auch völlig klar, warum diese Zirkel vertraulich sind. Da geht es nicht um einen abgeschiedenen Klüngel, die Bischöfe brauchen diesen Schutzrahmen, um frei sprechen zu können. Ungeschützt sprechen können, ohne dass sofort alles zerredet oder kommentiert wird. Man spürt, wie sie um ein rechtes Verstehen ringen. Sie sagen, wie es ihnen mit dem einen oder anderen geht – da spürt man. Ja, sie nehmen ihre Sache ernst.

Da geht es den Bischöfen genauso wie jungen Menschen. Beide brauchen geschützte Räume, in denen sie nicht gleich gemaßregelt, nicht gleich bewertet und beurteilt werden, sondern wo ausprobieren, experimentieren und sich mich finden möglich ist. So ist echtes Wachstum und gutes Reifen möglich – in Schulen, in Universitäten, in der Kirche. Und wenn Bischöfe, die Kirche reifen und wachsen soll, dann brauchen auch die Bischöfe diese Freiräume…

Und noch etwas: Ich war sehr beeindruckt wie stark die Bischöfe Thomas Andonie und mich ins Gespräch miteinbezogen haben. Eigentlich wurde mir gesagt, dass ich nur sprechen soll, wenn ich gefragt werde. Aber gleich in der ersten Sitzung hat der Moderator die anderen Bischöfe gefragt, ob es ok ist, wenn sich auch der Experte frei und wie er will ins Gespräch einbringt. Thomas und ich können also viele unserer Erfahrungen aus der Arbeit mit jungen Menschen miteinbringen. 
Einige junge Menschen in der Zukunftswerkstatt haben mir gesagt: Ich möchte gehört werden. Ich habe den Eindruck, bei dieser Synode hören die Bischöfe wirklich – also auf jeden Fall in unserer Sprachgruppe. Es sind echtes Interesse, Sorge und Wollen da.

Ich glaube, ich verletze das Schweigegeheimnis nicht, wenn ich sage, dass einige Bischöfe immer wieder betont haben, wie anders vieles bei dieser Synode ist, wie wohltuend anders. Mir wird irgendwie immer klarer, wie sehr Papst Franziskus ein revolutionärer Papst ist – eine Revolution durch den Akt des Zuhörens.

Sie merken, ich bin vom gestrigen Nach- und heutigen Vormittag sehr begeistert. Schauen wir mal, was aus meiner Begeisterung in der zweiten und dritten Phase wird. Da könnte das Gehörte konkret werden…

Liebe Leserinnen und Leser, heute bin ich auch etwas müde und freue mich auf den Sonntag. Es war viel Spannendes in Rom los, deshalb hören Sie erst am Montag wieder von mir. Sonntag ist Blog-Ruhetag. Ich wünsche ihnen einen gesegneten Sonntag!

Ihr
Clemens Blattert SJ

Tag 5

Diese Zeilen schreibe ich in Eile, da die Sitzung heute Morgen einiges an Arbeit für mich mit sich brachte. In diesen Minuten steht dann schon die nächste Expertensitzung an. Die Synode hat inzwischen richtig Fahrt aufgenommen. In den ersten Tagen, vor allem in den Circuli minori, haben wir uns mit dem Arbeitsdokument vertraut gemacht. Nun dürfen die Bischöfe Veränderungs-, Verbesserungs- und Ergänzungsvorschläge machen. Da bin ich in der deutschen Gruppe voll eingebunden. Wenn die Circuli einen Änderungswunsch haben, muss ein sogenannter Modus geschrieben werden. Alle Modi werden gesammelt und am Ende der Diskussion des ersten Teils (bei uns ist es heute Nachmittag soweit) wird über sie abgestimmt. Wenn ein Modus eine Zweidrittelmehrheit erreicht, wird er eingereicht.

Interessant ist die Vorbereitung der Modi, die meisten so funktioniert: Zuerst wird diskutiert, bis jemand einen guten Vorschlag bringt. Entweder sagt jemand direkt: „Ich schreibe dazu gerne einen Vorschlag“ oder ein episcopus gravis lächelt jemanden an und sagt: „Das haben Sie so schön gesagt. Ich denke, Sie könnten den Modus schreiben.“ Ernsthaft, konstruktiv, hörend, engagiert, aber eben auch mit Humor arbeiten wir. An diesen Modi haben wir gestern gearbeitet – je nachdem, wie oft jemand von einem Kardinal angelächelt wurde, konnte dabei der ganze Sonntag draufgehen…

Aber so ist es eben mit der Arbeit auf der Synode, auch die eigentlich freien Zeiten sind gut gefüllt, damit alle Modi zum ersten Teil des Arbeitsdokuments pünktlich ausformuliert sind. Erst dann können sie dem Relator, dem Endredaktor des finalen Synodendokuments, übergeben werden.

Trotz der engen Taktung blieb Zeit für einen Cappuccino, während dem ich Julia Brabant kennenlernen konnte. Sie kommt aus Erfurt, studiert evangelische Theologie, ist Krankenschwester und Mitglied im Lutherischen Weltbund. Für diesen nimmt sie als Beobachterin auf der Synode teil. Ein wirklich spannendes Gespräch.

Eben in der Pause standen der Präfekt der Glaubenskongregation, der Präfekt der Bildungskongregation und die deutschen Bischöfe zusammen. Ich weiß natürlich nicht, worüber sie gesprochen haben, könnte mir aber durchaus vorstellen, dass es auch um die heute viel in der Presse thematisierte Verweigerung des „Nihil Obstat“ (Unbedenklichkeitserklärung) für meinen Mitbruder Ansgar Wucherpfennig ging. Mit Ansgar wohne ich zusammen in einer Kommunität in Frankfurt. Er hat mir schon vor meiner Abreise nach Rom gesagt, dass diese Nachricht kommen werde. Ich frage mich: Wird sich hier in Rom zu dem Thema noch etwas bewegen? Wird vielleicht ein Bischof beim Kaffee zu einem der Kardinäle gehen und sagen: Was habt ihr denn da gemacht? Oder wird möglicherweise ein bayrischer Kardinal mit der Faust auf den Tisch hauen und eine andere Meinung vertreten? Ich weiß es nicht.

Das Verrückte ist nur, dass wir genau diesen Umgang hier diskutieren: Junge Menschen wollen auch über das Thema Homosexualität frei sprechen. Es braucht – das sagen hier auch die Bischöfe offen – einen anerkennenden Umgang mit homosexuellen Menschen. Die aktuellen Vorgänge erinnern mich unmittelbar an den Vorabend des 2. Vatikanischen Konzils. Damals hatten einige Theologen Verfahren in der Glaubenskongregation gegen sich anhängig, man wollte die Positionen dieser Theologen verurteilen. Durch die Beratungen während des Konzils wurden die Positionen aber lehramtlich bestätigt – und mancher dieser Männer wurde sogar noch Kardinal. Ob es für meinen Mitbruder auch noch so hoch „hinausgehen“ wird? Möglich ist es, aber eine weitere Amtszeit als Rektor in Sankt Georgen hat er sich mehr als verdient…

Gerne hätte ich mit Ihnen heute ein angenehmeres Thema besprochen, aber das hat mich heute doch beschäftigt. Morgen wird’s dann hoffentlich wieder positiver …

Bis dahin
Clemens Blattert SJ

Tag 6

Heute Mittag haben wir die erste Phase der Synode abgeschlossen. Bischof Oster hat als Protokollant des circulus germanicus die Änderungswünsche unterschrieben, abgegeben und in der Aula einen Bericht aus unserer Gruppe vorgetragen. Ähnlich taten es auch die Vertreter der 13 anderen Sprachgruppen. Zur Feier des Tages wurde außerdem das 15-Uhr-Treffen aus unserem täglichen Programm gestrichen. Es fühlt sich ein bisschen wie Unterrichtsausfall in der Schule an. Entspannung macht sich breit. Das tut nach der ganzen Arbeit auch mal ganz gut. Schon gestern Abend genoss ich es, nicht bis spät abends an einer Sache arbeiten zu müssen, sondern Zeit für einen Spaziergang um den Vatikan zu haben – und natürlich für ein Gelato aus der Kulteisdiele „Old Bridge“.

Ich muss ehrlich sein: Von den 10-Minuten-Berichten war ich heute etwas enttäuscht. Zwar wurden alle wichtigen Themen behandelt und es scheint große Einigkeit zu herrschen: Jugendlichen sagt die Sexualmoral der Kirche nichts, es gibt eine riesige Kluft zwischen den Jugendlichen und der Kirche, im Arbeitsdokument wird zu negativ von der Jugend gesprochen, die Digitale Welt birgt Chancen und Risiken, die Glaubensvermittlung funktioniert nicht mehr. Diese Punkte nur, um die wichtigsten zu nennen. Jedoch waren die Berichte voll von Apellen, Lösungsvorschlägen und Interpretationen. Dabei hatte der Papst die Synode doch mehrmals explizit auf einen anderen Weg eingeladen: Die erste Phase sollte nur dem Wahrnehmen dienen. Erst im nächsten Schritt sollte das Interpretieren kommen und darauf aufbauend mögliche Änderungen.

Wenn zwei Seiten nur Forderungen und Apelle aufstellen, stehen sich am Ende zwei stumme Wände gegenüber. Und genau das verändert gar nichts, sondern setzt beide Seiten gefangen.

Deshalb fand ich auch die Begegnung am Samstag so bezeichnend. Die ganze Synode wurde zu einem Jugendfest eingeladen. Die Jugend Roms gestaltete ein Fest aus Tanz, Musik und persönlichen Zeugnissen. Zuerst beeindruckten mich Zeugnisse von jungen Menschen in ihrer persönlichen Not: Der eine sprach von seiner Sucht nach Pornographie und der daraus entstandenen Unfähigkeit zu echter und wahrer Liebe sowie Treue in einer Beziehung. Eine junge Frau erzählte, wie sie begann, sich in den sozialen Medien zu inszenieren, aber dabei eigentlich nur Anerkennung suchte, weil sie von ihrer Mutter nicht geliebt wurde. Ein weiterer erzählte von seiner Flucht von zu Hause und wie er in der Einsamkeit Europas landete. Alle drei hatten an einer Stelle ihres Lebens eine Begegnung mit Gott, das zog eine radikale Bekehrung nach sich und bewirkte, dass sie sich seither für das Gute einsetzen. Berührend war auch die Geschichte einer Sozialarbeiterin, die erzählte, wie sie am Sterbebett eines jungen Mannes Zeugnis für den Glauben abgelegt hatte und er sich daraufhin in der letzten Phase seines Lebens bekehrt hat und in Hoffnung sterben konnte.

Je länger aber dieser Programmpunkt andauerte, je mehr Zeugnisse abgelegt wurden, desto bizarrer kam es mir vor. Alle Themen, die wir in der Versammlung besprechen, wurden hier von jungen Leuten idealtypisch erzählt, gespickt mit einer beeindruckenden Bekehrungsgeschichte. Alles zu schön, um wahr zu sein. Nicht, dass ich nicht daran glauben würde, dass Gott heilt und hilft. Das erlebe ich sogar sehr oft in der Begleitung. Aber ich erlebe es eher so, dass Menschen tief berührt werden, von manchem sogar frei werden. Dies ist jedoch erst der Beginn eines langen und mühsamen Glaubensweges mit Vor- und Rückwärtsschritten, bei der die anfängliche Begeisterung oftmals wieder abkühlt und/oder neu vertieft wird.

Am Ende all dieser Tanz-, Musik- und Glaubensvorführungen kam der Papst. Er hielt eine Rede und machte mal wieder den Franziskus: „Also mich hat eigentlich vor allem Daniel beeindruckt. Er kam mir so ehrlich vor.“ Daniel hat erzählt, wie er mit 18 als Krimineller wegen eines Bankraubs ins Gefängnis kam. Im Gefängnis wurde er wegen seines gewalttätigen Verhaltens immer wieder diszipliniert. Nach einiger Zeit entwickelte er ein Vertrauensverhältnis zum Gefängniskaplan, der ihn in eine Gemeinschaft vermittelte, in der er seine Reststrafe durch „Mitleben“ absitzen durfte. Das hat ihm richtig gut gefallen. Er fühlte sich angenommen, entdeckte den Glauben, wollte sich verbessern und war hochmotiviert, nachdem seine Strafe zu Ende war. Die Begeisterung und Motivation hielten aber nur sechs Monate an, danach geriet er wieder in der Spirale der Gewalt. Nach einiger Zeit begegnete er einem Sozialarbeiter, sprach regelmäßig mit ihm und bat um eine neue Zeit in dieser Gemeinschaft. Er lebte dort zwei Jahre mit. Daniel erzählte, dass er spüre wie anstrengend ein Bekehrungsweg ist, wie hart er an sich selbst arbeiten müsse, aber dass er jetzt hier stehe und hoffe, sein begonnenes Studium zu schaffen. Er würde auch nicht behaupten, dass er ein durch und durch Glaubender sei, aber er sehe, dass der christliche Glaube viele schöne und gute Seiten hat. Aber es ist eben ein mühsamer Weg. Er sei aber sehr dankbar für so viele stille und einfache Zeugen der Hoffnung, die an seiner Seite stehen.

Der Papst hat einen Riecher für das Echte! Der Gescheiterte, der es immer wieder neu versucht, der Mühe hat auf dem Weg, der kein Held des Glaubens ist, kein Botschafter der Hoffnung, sondern einer, der täglich und ehrlich um das Vertrauen in Gott ringt.

Das war es eben auch, was mich in den letzten Tagen am meisten überzeugt hat: Wenn die Bischöfe in unserer Gruppe von ihrer Ratlosigkeit, ihrem Ringen und Suchen nach dem richtigen Weg gesprochen haben. Das hat mich am meisten beeindruckt und ermutigt: Es ist gut, wenn Kirche von suchenden Menschen geleitet wird.

Was wäre wohl in den Gemeinden möglich, wenn es Abende gäbe, an denen man gemeinsam singt und gemeinsam betet und sich von seinem Glaubensweg erzählt. Von der Gewöhnlichkeit, den Herausforderungen, vom Schönen und Bestärkenden und von der eigenen Ratlosigkeit und vom Trotzdem des Vertrauens in Gott.

In meiner Kommunität in Frankfurt haben einige jüngere Jesuiten sich vor kurzem genau dazu getroffen – gemeinsam schweigend vor Gott sitzen, sein Wort betrachten. Anschließend sprach jeder fünf Minuten über das, was ihn in der Stille bewegt hat. Das liegt jetzt zwar schon einige Wochen zurück, trotzdem strahlt es immer noch in meinem Herz und gibt mir Kraft, meinen Weg als Jesuit zu gehen. Ich weiß, dass ich Brüder habe, die an vielen Orten und in anderen Situationen als meiner auch versuchen, ein Gefährte Jesu zu sein.

Dieses echte Erzählen und offene Zuhören haben das Potential, das Antlitz der Erde zu erneuern. Das weiß der Papst und nimmt deshalb die Versammlung der Bischöfe in die Schule des Zuhörens. Heute beim Vorlesen der Berichte aus den circuli minori konnte man feststellen, dass dies noch Zeit braucht. Vielleicht liegt der Fokus der Synode ja auch nur indirekt auf der Jugend. Vielleicht soll auch nur anhand ihr und ihrer Themen die Leitung der Kirche etwas lernen: das Zuhören.

In die Kraft Gottes vertrauen, Hoffnung haben, wahrzunehmen, hören, schauen und versuchen, den anderen erst einmal zu verstehen, ist ein mühsamer Weg. Man muss von sich selbst absehen, man muss warten können. Wir sind alle sehr schnell – oft zu schnell – darin, zu interpretieren, zu analysieren und für den anderen das Richtige zu kennen. Aber wenn es gelingt, den anderen zu verstehen und ihn ganz anzunehmen, schmelzen Barrieren, wird ein Monolog zu einem Dialog, entstehen echte, tiefe Beziehungen. Ja, dann wird sogar die Wandlung, das Aufleben von Menschen möglich.

Bis morgen,
Clemens Blattert SJ

Tag 7

Für das Reden und Zuhören sind bei ca. 320 Personen von allen Kontinenten in einem Raum zwei Dinge unerlässlich: gute Technik und gute Übersetzungen.

Die Technik hier auf der Synode funktioniert reibungslos. Bei der Sitzung am Morgen wird zuerst die Anwesenheit der Synodenväter erfasst. Das geschieht über das Abstimmungsgerät, das sich in der Armlehne befindet. Auf der Leinwand und auf synchrongeschalteten Bildschirmen erscheint eine Animation der Aula und man sieht, wer sich per Klick auf dem Abstimmungsgerät anmeldet. Die Erfassung ist wichtig, weil es immer wieder Abstimmungen gibt. So wurden z.B. von allen fünf Kontinenten fünf Leute bestimmt, die abwechselnd in der Pressekonferenz sprechen.

Für Wortmeldungen teilen sich immer zwei Leute, die nebeneinandersitzen, ein Mikrofon. Sobald jemand spricht, erscheint diese Person auf der Leinwand und den Bildschirmen. Und zusätzlich werden auch noch Fotos und Videos von allen Rednern gemacht. Ich staune darüber, wie viel Bild- und Filmmaterial dabei entstehen muss – überhaupt kein Vergleich zu den Fotos, die ich jeden Tag mache.

Die Redezeit ist pro Person auf vier Minuten beschränkt. Wenn nur noch zwei Minuten verbleiben, wird ein Countdown eingeblendet, bei den letzten 30s ertönt ein kleiner Gong und wenn die Redezeit vorbei ist, leuchtet knallrot das 0:00 auf. Dann ist auch wirklich Schluss. Ein Synodenvater hatte für seinen Beitrag auch eine PowerPoint-Präsentation mitgebracht, die problemlos über die Leinwand lief. Es ist wirklich toll, wie reibungslos das alles abläuft. Außerdem befinden sich für alle Teilnehmer kleine Hörgeräte in der Armlehne und da sind wir beim zweiten Punkt: Die Sprache. Es gibt sechs offizielle Synodensprachen: Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch, Portugiesisch und Deutsch. In kleinen Übersetzerboxen sitzen meist zwei Leute, die simultan übersetzen. Das ist wirklich faszinierend, egal in welcher dieser Sprachen jemand zu sprechen beginnt, in meinem Ohr ertönt prompt die Übersetzung.

Die Sprache spielt bei so einer Versammlung eine große Rolle: Wer viele Sprachen beherrscht, kann sich problemlos in den Pausen mit unterschiedlichen Leuten unterhalten und auch dort über seine Positionen sprechen. Bei der Generalkongregation von uns Jesuiten sprachen alle zumindest Englisch und mir schien, dass Englisch und Spanisch die Hauptverständigungssprachen waren. Hier im Vatikan ist es ohne Frage anders: Ich bin schon einigen Leuten begegnet, die überhaupt kein Englisch und ausschließlich Italienisch sprachen. Hier gilt also: Wer Italienisch kann ist klar im Vorteil.

Sprache hat auch viel mit „Wahrgenommen werden“ und Respekt zu tun. Ein Synodenvater bedankte sich ausdrücklich, dass zum ersten Mal Portugiesisch als offizielle Sprache zugelassen sei – eine Sprache, die etwa 350 Millionen Katholiken sprechen. Dieses positive Gefühl, das durch diese Form der Anerkennung vermittelt wird, trägt unmittelbar zu einem gelingenden Dialog bei. Auch das erinnert mich an unsere Generalkongregation im Jahr 2016. Damals sangen wir bei einem Gebet mit allen Laudate omnes gentes in der afrikanischen Sprache Kiswahili. Später kam ein Mitbruder aus Afrika zu mir und meinte, es habe ihn zu Tränen gerührt, dass sich Jesuiten aus aller Welt die Mühe gemacht haben, in seiner Muttersprache zu singen. Ein großartiges Zeichen der Wertschätzung!

Wenn also die Synode und die Kirche hören sollen, spielt Sprache eine große Rolle. Gebe ich dem anderen Raum, sich auszudrücken? Mache ich mir selbst die Mühe, seine Sprache zu verstehen? Das alles fördert Beziehungen und das gemeinsame Vorangehen. Technik und Sprache sind Bereiche, die die jungen Menschen stark betreffen. Hier in der Aula ist deutlich spürbar und gewünscht, die digitale Welt besser zu verstehen und sich auf sie verantwortungsvoll, speziell auch für die Verkündigung der Kirche, einzulassen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat Paul Metzlaff dem Synodensekretariat zur Verfügung gestellt, damit er Öffentlichkeitsarbeit vor allem in den sozialen Medien macht und die Inhalte dort verständlich und eingängig aufbereitet. Es ist ein Versuch, die Sprache der jungen Menschen zu verstehen. Hoffen wir, dass die Jugend diese Wertschätzung durch die Kirchenleitung erkennt. Ob die Bischöfe immer alles verstehen, was Jugendliche sagen, sei dahingestellt. Es ist aber ganz klar, dass sie zutiefst spüren, dass junge Menschen ein Reichtum in der Kirche und für sie sind!

A domani,
Clemens Blattert SJ

Tag 8

Wir feiern heute den Gedenktag von Papst Johannes XXIII. Sein Grab ist im Petersdom, wir Synodenteilnehmer gehen quasi täglich an ihm vorbei. Er, der große Rufer zu einem neuen Konzil, er, der gesagt hat, öffnet die Fenster der Kirche, er, der von Papst Franziskus heiliggesprochen wurde. Am Tag des Eröffnungsgottesdienstes dieser Synode haben wir im Petersdom die priesterlichen Gewänder direkt neben dem Grab dieses Papstes angezogen. Die drei deutschen Bischöfe warteten auf den Beginn der Messe – sie saßen gemeinsam in der Bank, die vor dem Grab mit dem Sarg von Papst Johannes XXIII. steht. Still, mit geschlossenen Augen stimmten sie sich auf diese Synode ein. Ein schönes Bild: Der milde Papst, der die Kirche erfrischen will, er kann der Patron dieser Synode sein.

Erfrischung bedeutet für die Kirche im Moment unter anderem die Aufarbeitung von Macht- und sexuellem Missbrauch, aber auch geistlicher Missbrauch ist überdeutlich in der Aula angesprochen worden. Da stehen die Fenster weit offen und die Botschaft ist angekommen. Doch ich frage mich ehrlich, welche weiteren Auswirkungen die aktuellen Ereignisse auf die Kirche haben werden. Viele offene Fragen, Wut, Ärger, die Ratlosigkeit und kaum Hoffnung auf Veränderung lassen sich in Deutschland exemplarisch am Verfahren in Frankfurt sehen. Und nach der gestrigen Äußerung von Papst Franziskus zum Thema Abtreibung zweifeln einige daran, ob Papst Franziskus wirklich vertrauenswürdig ist.

Ich bin mir sicher, dass Papst Franziskus niemanden verurteilen will, dass er selbst zutiefst aus dem Wort Jesu lebt. Er hat mehrfach betont, dass auch er nicht perfekt und ein Sünder ist und dass er manchmal unterschätzt, wie seine Worte missverstanden werden können oder verletzend sind. Er möchte barmherzig sein, möchte eine Kirche, die nah bei den Menschen ist, möchte klar für die Botschaft des Lebens eintreten. Und er möchte die Kirche erneuern. Dass er das auch im Rahmen einer Synode tut, bei der die Jugend in der Mitte steht, halte ich für sehr klug. Das wird positive Auswirkungen haben.

Trotz aller guten Vorzeichen gibt es also viele Streitpunkte. Da will einem schon mal der Mut verlassen und Resignation sich breit machen. Auch bei mir, trotz meiner Begeisterung für diesen Papst und die Themen dieser Synode. Vielleicht geht es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Sie mit Interesse und Hoffnung für die Kirche meinen Blog verfolgen, ähnlich.

Heute in der Aula fiel mir das Wort meines Ordensvaters Ignatius ein: „In der Unterscheidung der Geister kann man davon ausgehen, dass die Stimme der Entmutigung nie von Gott kommt.“ Und jetzt, wo ich gerade diesen Beitrag schreibe, steht eine Herz-Jesu-Figur vor meinem (offenen!) Fenster, groß und unübersehbar. Auf dem Sockel steht: „Dein Heil bin ich.“ Ich bin überzeugt, dass Papst Johannes XXIII. so viel Hoffnung, Milde und Zuversicht ausstrahlen konnte, weil diese Worte Jesu das Fundament seines Lebens bildeten.

Ich wünsche mir, dass diese Worte das Fundament für uns alle werden können. Die Erneuerung und Erfrischung der Kirche beginnt dort, wo ich dieser Wahrheit Raum gebe. Vom Vertrauen auf diese Worte wird niemand dispensiert. Im heutigen Evangelium heißt es: „Warum wollte ich, euer guter Vater, euch nicht den Heiligen Geist geben, wenn ihr darum bittet?“

Und so möchte ich noch kurz von zwei tollen Erfahrungen hier in Rom berichten. Die deutsche Delegation trifft sich immer dienstags zum Abendessen und Austausch. Ich bin mir nicht sicher, ob es am deutschen Abendessen mit Brot, Wurst, Käse und Essiggurken oder möglicherweise dem Weißwein lag, aber hier sind richtige Geistmomente entstanden. Wir hatten ein so kontroverses, lebendiges Gespräch über Berufung und Weitergabe des Glaubens an junge Menschen. Das war einfach nur toll. In der ersten Woche sind ein Vertrauen und eine Wertschätzung gewachsen, so dass wir uns nun frei und offen austauschen können. Es ging nicht um das Abstecken von Positionen, sondern um das Ringen, wie unser Anliegen, die Verkündigung des Evangeliums, in der heutigen Welt gelingen kann. Das war für mich richtig erfrischend, ein geisterfülltes Gespräch. Das sind die Momente, die mich dankbar machen. Nicht das Händeschütteln mit dem Papst ist das Besondere, sondern solche Gespräche und ein offener, vorurteilsfreier Austausch. Wir alle brennen für die Themen dieser Synode. Ich bin überzeugt, daraus wird Frische für die Kirche hervorgehen.

Und noch etwas: Heute sprach der Vertreter der methodistischen Kirche. Er erzählte von kleinen ökumenischen Gemeinschaften, die überall in England wachsen – gemeinsam, über Konfessionen hinweg wird gebetet, über die Bibel gesprochen, Gemeinschaft gelebt. Da entsteht viel Freude für die Menschen. Dass er sprechen konnte, ist ja auch eine Frucht des von Johannes XXIII. einberufenen Konzils.

Also, liebe Leserinnen und Leser, die Fenster stehen offen, der Heilige Geist weht, lassen wir uns trotz der Schwierigkeiten nicht entmutigen und suchen jede/r an ihrem/seinem Platz das Vertrauen auf den zu leben, der mit weit ausgebreiteten Armen sagt: Ich bin Dein Heil.

In diesem Sinne,
Clemens Blattert SJ

Tag 9

Synodos heißt gemeinsam vorangehen. Die Bischöfe haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht. Sie gehen und gehen; und vereinzelt, aber im Verlauf der Synode doch häufiger werdend, stellen sie sich einander die Frage, wo die Reise eigentlich hingehen soll. Das kristallisiert sich besonders in zwei Frage heraus: Welcher Natur soll das Abschlussdokument sein und an wen richtet es sich?

Der heilige Ignatius lässt den Beter am Beginn einer jeden Gebetszeit eine Bitte formulieren. Es ist ein wenig so, als ob man vor dem Gebet angibt, in welche Richtung es gehen soll. Modern gesprochen könnte man auch von einer Zielvereinbarung sprechen. Wahrscheinlich würde es das Arbeiten hier auf der Synode vereinfachen, wenn das Ziel klarer wäre. Leider verhallen jedoch die Fragen nach dem für wen oder für was. Da war es für mich heute interessant einen Bischof in der deutschen Sprachgruppe zu erleben, der ganz gelassen gesagt hat: „Ach, Zeiten der Rat- und Orientierungslosigkeit sind normal bei solchen Treffen. Irgendwann zeigt sich die Richtung.“ Diese Gelassenheit gefällt mir! Mir gefällt aber ebenso, die Klarheit eines Ignatius. Und wer weiß, vielleicht würde mehr Kraft fließen, wenn wir jetzt schon ein Ziel und eine Richtung hätten.

Klar scheint wohl zu sein: Für die Ansprache an die Jugend braucht es kein lehramtliches Dokument, da bedarf es eher einer eingängigen Botschaft des Papstes oder der Synode. Aber für wen arbeiten wir dann hier eigentlich? Es scheint, dass das Dokument allein für die Kirche (Papst, Bischöfe, Seelsorger) erstellt werden soll, damit diese eine Quelle der Inspiration finden – und hoffentlich umsetzen, was sie gelernt haben durch die Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit der Jugend. Mal schauen, ob das klappt…

Wir haben nun wieder drei Tage den sogenannten Interventi zum 2. Teil des Arbeitsdokuments gelauscht. Dabei wurde deutlich, wie anspruchsvoll der gewünschte Weg der Unterscheidung ist. Der erste Schritt sollte das Wahrnehmen sein. Nun folgt der zweite Schritt: Interpretieren. Was kommt uns aus dem Wahrgenommenen an Anruf Gottes entgegen? Was zeigt sich an „Offenbarung und Einladung Gottes“ an uns Menschen? Aber genau darauf gab es kaum antworten. Es wurde zwar immer wieder gesagt, was wichtig ist, damit Leben gelingt. Aber es wurde eigentlich gar nicht darüber gesprochen, geschweige denn interpretiert, dass junge Menschen z.B. die digitale Welt sehr bewegt, die gemachten Erfahrungen dort aber sehr ambivalent sind. Was bedeutet das für die Kirche? Und was ist mit der Feststellung, dass junge Menschen unruhig und unzufrieden sind. Was hört man darin an Wirken des Geistes? Fragen, die Antworten bedürfen.

Ich muss sagen, das Zuhören im Auditorium war in den letzten Tagen ermüdend. Belebend war dann heute wieder der Beginn der Kleingruppen. Eine gewisse Unzufriedenheit ist auch bei den Bischöfen spürbar. Wir wollen hier jetzt einen substantiellen Beitrag für die Synode leisten und zum Anwalt der Hoffnungen und Erwartungen der jungen Leute werden. Mal sehen, ob die deutschsprachigen Bischöfe heraushören, was da an leisem Säuseln des Heiligen Geistes wahrnehmbar ist – und vielleicht wird dann, wenn man die Landkarte in der Hand hat und Gott der Kompass ist, auch klar, wo die Reise hingeht.

Noch ein persönlicher Abschluss: In der Aula hat ein 26-jähriger Zahnarzt aus dem Irak ein bewegendes Zeugnis abgelegt. Er erzählte, wie viele junge Menschen, vor allem Christen, durch die fanatische IS umgebracht worden sind. Jugendliche haben trotzdem den Mut und gehen am Sonntag zur Eucharistiefeier. Ihm sei noch lebendig vor Augen, wie sich Freunde von ihm ins Wochenende verabschiedet haben mit den Worten: „Wir sehen uns nächste Woche.“ Doch dazu kam es nicht. Sie haben sich nie mehr wiedergesehen, weil die Freunde bei ihrem Gottesdienstbesuch am Sonntag getötet wurden. Er bat um unser Gebet, weil es den jungen Menschen Kraft und Mut gibt, wenn wir ihnen unsere Solidarität zeigen und mit ihnen in Gemeinschaft sind. Und am Ende sagte er: Heiliger Vater, ich darf Ihnen eine besondere Botschaft der Jugend aus dem Irak überbringen: „See you one day in Iraq!“ Es brandete langanhaltender Applaus auf und ich muss sagen, in mir stiegen Tränen auf…

Bewegende Momente von lebendiger Kirche!

Clemens Blattert SJ

Tag 10

Auch nach zehn Tagen kann man schon in eine Art Routine kommen. Dementsprechend gehen wir hier in Ruhe unserer Arbeit nach. Ich habe gestern die Zusammenfassung der Interventi, die wir in der Vollversammlung zum 2. Teil gehört haben, erstellt und abgegeben.

Außerdem arbeiten wir weiterhin in unserer deutschsprachigen Sprachgruppe. Inzwischen geht es um das Interpretieren dessen, was die Bischöfe im Schauen auf die Lebenswirklichkeit der Jugend wahrgenommen haben. Und nun stellen sich die großen, fundamentalen Fragen. Die theologische Natur: Wer ist Gott und wie begegnet er uns Menschen? Diese Frage ist wesentlich, wenn wir von einem Konzept der Berufung sprechen. Wir gehen nämlich davon aus, dass Gott aus seiner Freiheit heraus zu jedem einzelnen Menschen eine Beziehung aufbauen kann und dass der Mensch auch Gott gegenüber auf dieses „Rufen“ eine Antwort geben kann – ebenfalls aus purer Freiheit. Und da sind wir beim nächsten großen Thema: der Anthropologie. Wie denken wir über den Menschen – ist er frei und in welchem Verhältnis steht er zu Gott? Ebenso unvermeidlich ist auch die Ekklesiologie. Das fand ich sehr schön, weil sich Kirche oft sehr abstrakt darstellt.

Wir sprachen viel über die Notwendigkeit der Einzelbegleitung, aber auch davon, wie wichtig kleine Gruppen wie Hauskreise sind. Dies hilft uns, uns selbst und den Willen Gottes besser zu erkennen. Genau das ist es, was die Aufgabe der Kirche ausmacht. Ich muss und kann nicht alleine eine Gemeinschaft bilden, Glauben und auf Gott hin unterwegs sein kann und muss niemand alleine…

All das verläuft ruhig, natürlich wird auch gerungen, so, wie es eben geschieht, wenn eine Gruppe von Menschen auf der Suche nach dem richtigen Weg ist. Die gewichtigen Implikationen, die in diesen scheinbar trockenen Überlegungen stecken, werden immer deutlicher: Wenn ich jedem Menschen eine Berufung zugestehe, hat auch jeder grundsätzlich die Berechtigung, in der Kirche etwas zu sagen, denn jedem kann sich Gottes Wille offenbaren. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass in und durch die Jugend Gott spricht. Damit sind konkrete Themen gegeben, die die Kirche hören und anpacken sollte. Genau darin liegt meiner Meinung nach Zündstoff, der, so glaube ich, im 3. Teil (Wählen – also welche konkreten Schritte will die Synode gehen) handfest werden wird. Es fühlt sich gerade ein bisschen so an wie die Ruhe vor dem Sturm, wie das hoffen, es könnte sich etwas bewegen.

Dazu passt auch die Stimmung in der Ewigen Stadt: Morgen werden fünf Personen heiliggesprochen. Eine davon ist die aus Dernbach im Westerwald stammende Katharina Kaspar, die Gründerin der Armen Dienstmägde Jesu Christi (ADJC). Neben ihr wird auch Oscar Romero heiliggesprochen. Heute Morgen hat ein angereister Jesuit erzählt, dass er sich noch gut daran erinnern könne, dass es damals aufgrund der Ernennung Romeros zum Bischof von El Salvador in seiner Kommunität eine Krisensitzung gegeben habe. Man war eher kritisch gegenüber einem so konservativen Mann auf dem Bischofsstuhl. Und was geschah dann? Aus Romero wurde die Stimme der Armen, die Stimme einer sich verändernden Kirche. Das ist überhaupt meine Überzeugung, liebe Leserinnen und Leser, die ganz großen Reformen in der Kirche gehen nicht von Dokumenten aus, sondern von Menschen, von Heiligen.

In diesem Sinne wünsche ich uns, dass wir in unserem Leben mehr nach dem Willen Gottes fragen und auf seinen Ruf an uns hören, damit wir erkennen, was wir tun können, um Kirche und Welt zu verbessern. Wenn dieses Bewusstsein und dieser Wunsch durch die Jugendsynode wächst – sowohl auf der Seite der Hierarchie als auch aller Gläubigen – dann würde sicherlich viel Angst verschwinden, viel Vertrauen wachsen und viel gemeinsames Vorangehen möglich sein.

Ihnen einen gesegneten Sonntag und wie letzte Woche wird auch morgen wieder ein Blogruhetag sein.

Clemens Blattert SJ

Tag 11

Auf dem Heimweg von der Sitzung heute Vormittag gewann ich den Eindruck, dass in den Straßen rund um den Vatikan die Landessprache gewechselt hat. Überall konnte man frohe und lebendige spanische Stimmen hören. Auch wenn gestern sieben Frauen und Männer heiliggesprochen wurden, dominieren doch eindeutig die „Anhänger“ des salvadorianischen Oscar Romero das Stadtbild Roms. Die Freude über „ihren“ neuen Heiligen ist überdeutlich. Lange mussten sie warten und sind umso dankbarer über die Heiligsprechung eines Mannes, der wirklich Hoffnung und Kraft gibt.

Im gestrigen Evangelium fragt der reiche Jüngling, wie er das ewige Leben gewinnen könne. Jesus macht unmissverständlich klar: Wer an seinem Besitz, an seiner Macht und an der Sorge um sein Ansehen klebt, wird nicht ins Himmelreich kommen, sondern er wird traurig weggehen und die Freude wird ihn nicht erfüllen. Treffender hätte das Evangelium für den Erzbischof von El Salvador nicht sein können. Aber das Evangelium war ebenso ein sehr gutes Echo und eine gute Zusammenfassung des Gehörten auf der Jugendsynode: Dieser junge Mann ist auch ein Bild für die Kirche – auch sie muss, will sie Botschafterin der Freude des Evangeliums sein, loslassen, um authentisch zu werden. Das Innen und Außen müssen zusammenklingen.

An dieser Stelle wird auch deutlich, dass der Begriff „Kirche“ von den Synodenvätern mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen belegt wird. Mal ist die Rede von „der Kirche und der Jugend“, als wäre die Jugend kein Teil der Kirche. Sie ist es aber! Die jungen Menschen, als Getaufte und Gefirmte, sind Teil der einen Kirche. Dann spricht man immer wieder von „der Kirche, die arm werden muss“, meint aber eigentlich die Hierarchie. Das Evangelium ist nicht nur für die Hierarchie reserviert, Jesus richtet es an uns alle. Wir alle müssen unseren Reichtum an Besitz, Macht und eigener Meinungen loslassen, sonst ist ein Miteinander nicht möglich. Kirche ist der Leib Christi und der erschöpft sich nicht allein in Bischöfen!

Das ist das Anliegen und wie ich meine auch die Herausforderung dieser Synode: Wie gelingt es, dass sich Bischöfe und junge Menschen, Priester und Laien, alle Glaubende, dass wir uns als eine Kirche verstehen? Und natürlich auch danach leben, miteinander unterwegs sind und dies auch institutionell deutlich wird? Es stellt sich ziemlich klar die Frage, wie wir Kirche im Miteinander verstehen. Und da ist es schon wesentlich, ob man Berufung als Begriff auf die Berufung zum priesterlichen Dienst oder zu den evangelischen Räten beschränkt, oder ob man allen Gläubigen zuspricht, dass sie von Gott gerufen sind, nicht nur zum Mensch- und Christsein, sondern zu einem Dienst in Kirche und Welt. Denn daraus ergäbe sich auch, dass alle Mitverantwortung tragen und ernst genommen werden müssen.

Heute Morgen schlossen wir, die deutschsprachige Gruppe, die Arbeit am zweiten Teil des Arbeitsdokumentes ab. Er ist überschrieben mit „Interpretieren“. Wir sollten die Wirklichkeit, die uns von der Jugend her entgegenkommt, deuten. Es wurde außerdem über das Protokoll, das in der Aula vorgestellt wird, abgestimmt. Ebenso auch über die „Modi“ – die Änderungs- und Ergänzungsvorschläge für das Abschlussdokument.

Alles was ich schreibe, ist ja mein subjektiver Eindruck, das will ich heute noch einmal betonen für das Folgende: Irgendwie schien es schwer zu fallen, beim Schritt des Deutens zu bleiben. Was heißt das Wahrgenommene? Was bedeutet das? Vielleicht war es naiv zu hoffen, dass ich in diesen drei Tagen einen spannenden, inspirierenden, theologisch vertiefenden Ansatz über Berufung entstehen sehe. Das ist leider nicht passiert. Als wir am Freitag ins Gespräch gestartet sind, waren Ansätze da, aber irgendwie haben wir es im Sprachzirkel nicht geschafft, gemeinsam dran zu bleiben und verloren uns irgendwo zwischen weiterhin Wahrnehmen (1. Teil des Arbeitsdokuments) und dem Sprechen über konkrete Lösungsvorschläge (3. Teil des Arbeitsdokuments). Zwar bin ich noch auf die Zusammenfassungen aus den anderen Sprachzirkeln gespannt, die wir heute Nachmittag hören werden, aber es würde für mich fast an ein Wunder grenzen, wenn die anderen Gruppen etwas gefunden haben.

Doch vielleicht könnte das „Fehlen“ einer theologischen Vertiefung und Interpretation ja für manch kreative Theologinnen und Theologen ein Ansporn sein, die Reflexion von „Berufung“ mehr in den Mittelpunkt der eigenen Arbeit zu stellen.

Clemens Blattert SJ

Tag 12

Gestern Nachmittag stellten die 14 Sprachgruppen die Berichte über ihre Diskussionen vor. In meinem gestrigen Blogartikel habe ich wenig Hoffnung geäußert, überrascht zu werden. Nun war es so, dass mich die Berichte nicht gerade vom Hocker gerissen haben, aber es war eine – zwar noch ungeordnete – Sammlung an guten Ideen, die als Interpretation der Lebenswirklichkeiten junger Menschen angeboten wurde. Die Redaktionsgruppe versucht nun, eine Synthese dieser Sammlung zu erstellen. Es geht darum, die zentralen Aussagen herauszubringen und zu systematisieren, damit vielleicht doch etwas Inspirierendes dabei herauskommen kann.

Neben mir in der Aula sitzt der Vorsitzende der benediktinischen Äbtekonferenz, Abt Christopher. Auch er ist als Experte geladen und heute kurzfristig zur Mithilfe im Redaktionsteam gerufen. In der Kaffeepause kam er mir mit strahlenden Augen entgegen und meinte, dass die Redakteure etwas sehr Gutes aus den Ideen der Bischöfe gemacht hätten. Die Redakteure sind auf dieser Synode quasi die Trüffelsucher des Heiligen Geistes. Denn es ist nicht so, dass ein Bischof einen ausgefeilten theologischen Entwurf vorlegt, sondern es werden die Puzzleteile aller gesammelt, dann bewerten die Redakteure diese unter anderem durch die Zuarbeit der Experten und bauen dann etwas Neues daraus. Sie meinten einmal: Wir müssen ihnen aus der Aula Marmorblöcke bringen, sie versuchen, eine Kathedrale daraus zu erbauen.

Sie merken wahrscheinlich schon bei der Lektüre meines Blogs, dass die Teilnahme an so einer Synode ein emotionales Wellenbad ist. Wellen der Langeweile, der Sorge, der Resignation wechseln sich ab mit Wellen der Hoffnung, der positiven Spannung und der Freude über das, was entsteht. Wenn ich mich an die Begleitung junger Menschen, die auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind, erinnere, ist es dort genau dasselbe. Mal ist man voller Mut und Aufbruchsstimmung, mal scheint man zu resignieren und glaubt nicht, dass überhaupt noch was aus einem wird. In solch einem kreativen Prozess befindet sich auch die Synode. Es ist und bleibt anstrengend, aber auch abwechslungsreich.

Heute jedenfalls knistert es wieder unter uns Experten. Die Lesung der Beiträge zum 3. Teil, in dem es um konkrete Vorschläge zur Umsetzung geht, hat begonnen. Eine Xavièr-Schwester (die Xavièr-Schwestern sind ein kleiner ignatianisch geprägter Frauenorden), die lange in Paris das Zentrum für Berufungspastoral der französischen Bischofskonferenz geleitet hat, kam voller Energie auf mich zu und sagte: „Clemens, spürst Du es, ich habe den Eindruck, es liegt etwas in der Luft.“ Sie erzählte mir auch, was sie als Auditorin zur konkreten Umsetzung vorschlagen wird: Der Segen liegt in der Teamarbeit – Frauen und Männer, Junge und Alte – die Mischung machts.

Das ist einer der Punkte, der sich herauskristallisiert: Partizipation. Junge Menschen sollen nicht nur für ihre Anliegen in der Kirche eine Stimme bekommen, sondern es kommt immer wieder zur Sprache, dass ein Beratungsgremium in Rom, in den Diözesen und in den Pfarreien entstehen soll, bei dem junge Menschen zu den Fragen der Kirche ihre Meinung abgeben können. So soll gewährleistet werden, dass die positiven Impulse dieser Synode nicht wieder in die Vergessenheit sinken.

Ein typischer Wesenszug von so großen Versammlungen sind die vielen Treffen zu Mittag oder am Abend. Mal gehen zwei, drei Bischöfe zum Essen und reden sich die Köpfe heiß, dann lädt der BDKJ spannende Gesprächspartner an den Küchentisch in seiner Ferienwohnung, es kommt zu Begegnungen der deutschsprachigen Bischöfe mit Jugendlichen, die gerade in Rom sind, dann trifft man sich in der Delegation zu einem Austausch oder Kardinal Marx lädt Synodenteilnehmer zu einem zünftigen bayerischen Abend ein. Und natürlich steht man in den Kaffeepausen während der Konferenz zusammen. Schrecklich ist dabei der Smalltalk. Kaum hat man mit jemandem einen Satz begonnen, taucht ein Bischof auf, bringt sich mit einem anderen Thema ein, das aber auch nicht lange hält, weil dann schon die nächste Person sich mit einem Cappuccino in der Hand dazwischendrängt. Das ist schade, aber irgendwie auch logisch. Nach dem aufmerksamen Zuhören fällt die Spannung in den Pausen völlig ab und man kämpft sich zum Kaffee, zu einem kleinen süßen Teil am Buffett und redet halt grad mit demjenigen, der vorbeigeschoben wird. Aber hier geht es wirklich nicht mehr als um Pause.

Aber es wird sich auch um einen „vernünftigen“ Austausch bemüht. Gestern waren wir in der Deutschen Botschaft zu einem sogenannten Hintergrundgespräch mit den deutschsprachigen Journalisten eingeladen. Ich habe gestaunt, wie viele Journalisten es gibt. Das waren sicherlich ca. 30 Frauen und Männer, die die Synode verfolgen.

Während eine Pressekonferenz eher die klassischen Themen zu Sprache bringt, war es bei diesem Abend doch möglich, ein Gesamtbild der Themen der Synode zu zeichnen. Und das Interesse war ehrlich und groß. Das hat mich wirklich gefreut, weil ich gedacht habe, Journalisten interessieren sich bestimmt nicht für die Frage, wie heute junge Menschen Vertrauen in Gott finden können oder dass die Suche nach dem, was ich will oder nicht will, der Prozess des Erwachsenwerdens mit viel Mühe verbunden ist und dazu die Kirche zweckfreie Räume anbieten kann. Ob man daraus aufsehenerregende Überschriften machen kann, bezweifle ich, aber mich hat es positiv gestimmt, dass auch für diese Fragen offene Ohren da waren.

Ganz nebenbei hat sich noch der Kreis einer persönlichen Geschichte geschlossen. Ein Freund von mir ist Maler. Ein Bild von ihm, über das ich schon viel gehört habe, hängt in der Eingangshalle der Botschaft. Gestern Abend hatte ich nun die Möglichkeit, es mir anschauen zu können und – wie man das heute so macht – ein Selfie mit diesem Bild zu machen. Es ist immer wieder faszinierend welche Türen sich hier beiläufig öffnen und schöne Einblick gewähren.

Clemens Blattert SJ

Tag 13

Die Synode wird von einem Präsidium geleitet, zu dem der Generalsekretär, der Generalredakteur, die beiden Sondersekretäre und vier vom Papst ernannte Kardinäle gehören. Letztere wechseln sich jeden Tag mit der Moderation ab. Jeder hat seinen eigenen Stil. Heute ist Kardinal Sako wieder mit der Moderation betraut, worauf ich mich schon auf dem Weg zur Synodenaula gefreut habe, denn er hat eine sehr humorvolle Art die Versammlung zu leiten. So begann er heute: „Damit wir nicht einschlafen, erzähle ich immer mal wieder einen Witz. Ich habe den Papst gefragt, er hat nichts dagegen.“ Und so lachte schon vor dem eigentlichen Witz der ganze Saal. Los ging es: „Ein Priester kam zur Beichte. Er kniete sich hin, bekannte seine Sünden. Als er fertig war, fragte der Beichtvater. „Sind Sie Priester?“ Dieser wiederum antwortete: „Ja.“ „Warum haben Sie das denn nicht gleich am Anfang gesagt?“ Da antwortete der Priester: „Ich wusste nicht, dass das eine Sünde ist.“

Und da fällt mir noch eine zweite Geschichte ein, die ich schon lange erzählen wollte, weil sie mir schon in den ersten Tagen der Synode beim Frühstück von einem Bischof erzählt wurde. Hier in unserem Jesuitenhaus haben wir ganz einfache Betten: Ein Stahlrahmen mit einem starken Netz und vier Beinen. Darauf liegt eine Matratze und basta. Die Gestalt der meisten Bischöfe muss man sich aber weniger asketisch vorstellen, sie geht eher ins etwas Rundliche. Beim Frühstück saß ich also mit einem Bischof allein am Tisch, er lachte verschmitzt und sagte plötzlich: „Clemens, jetzt muss ich Dir erzählen, was mir passiert ist: Ich habe mich heute Morgen im Bett umgedreht und bin ich aus dem Bett gefallen. Das Bett ist dann tatsächlich auch noch umgekippt und auf mich draufgefallen. Als ich dann auf dem Boden lag, musste ich über mich selbst herzlich lachen.“

Einen guten Humor braucht man hier. Wir hören eine Interventio nach der anderen. Eigentlich hatte der Papst schon in seiner Eröffnungsansprache gesagt, dass die Synode konkrete Vorschläge bringen solle, damit wir eher mit Ideen nach Hause reisen würden als nur mit einem weitschweifigen Dokument. Aber wir lauschen einem geistlichen Impuls nach dem nächsten, manchmal kommen neue Analysen oder allgemeine Aufforderungen. Ich frage mich immer wieder: Haben die Bischöfe keine Ideen, was eine konkrete Antwort auf die Situation der jungen Menschen sein könnte? Fehlt es an Kreativität oder trauen Sie sich nur nicht?

Gestern ist ein Bischof in der Pause auf der Terrasse richtig aufbrausend geworden: „Das ist schrecklich, schrecklich, schrecklich. Das Fegefeuer ist nichts dagegen. Ich fasse es nicht, wie langweilig das hier alles ist.“ Wieder ein anderer Kardinal hat heute in der Kaffeepause gemeint: „Warum traut sich denn niemand mal zu, konkrete Änderungsvorschläge zu machen. Um glaubwürdiger zu werden könnten wir beispielsweise unsere Titel Eminenzen und Exzellenz abschaffen. Oder wir könnten vorschlagen, Partizipation bei den Bischofsernennungen einzuführen.”

Aber ich will nicht nur schwarzmalen, denn von Zeit zu Zeit werden auch richtig gute Vorschläge gemacht. So hatte gestern eine Auditorin sehr schöne Ideen, wie die Evangelisierung heute neu gelingen könnte. Außerdem mahnte sie an, die Priesterausbildung zu verändern. In diesem Zusammenhang sind zusätzlich leise, aber bestimmte Stimmen vernehmbar: Zwei Kurienkardinäle forderten, dass die Priesterausbildung drastisch verändert werden sollte. Die angehenden Priester sollten zur Ausbildung nicht aus dem Leben herausgenommen, sondern ins Leben hineingesetzt werden. Nur so könne man Leben und Verkündigung lernen. Das wäre aus meiner Sicht doch mal ein guter Anfang.

Es gibt sie, die Überraschungsmomente. Ich hoffe sehr, dass sie im Nachgang der Synode nicht zu einem schlechten Witz verkommen und dass die Bischöfe sich noch ein bisschen mehr zutrauen und in Fahrt kommen, genauso wie Kardinal Sako.

Bis morgen,
Clemens Blattert SJ

Tag 14

Am Rande der Synode ergeben sich immer wieder bewegende Momente. Vielleicht haben Sie in den vergangenen Tagen mitbekommen, dass es innerhalb der orthodoxen Kirchen zu einem Bruch kam. Das Moskauer Patriarchat hat die eucharistische Gemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat Konstantinopels aufgehoben. Der Grund dafür liegt im Streit über die Zuständigkeit für die orthodoxe Kirche der Ukraine. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat eine eigenständige ukrainische-orthodoxe Kirche anerkannt und das führte zum Bruch zwischen den beiden großen orthodoxen Kirchen.

Der griechisch-katholische Erzbischof der Ukraine ist auch ein Synodenvater. Er ist ein katholischer Bischof, der in der Einheit mit Rom steht, also zu keiner der Streitparteien gehört. Heute besuchte uns der Leiter des Außenamts des russisch-orthodoxen Patriarchats, Metropolit Hilarion, und richtete ein Grußwort an die Synode. Diese beiden Bischöfe, der russisch-orthodoxe und der griechisch-katholische, standen bei der Kaffeepause zusammen. Es bildete sich eine große Menschentraube um sie. Jeder spürte, selbst wenn es kein Treffen von direkten Konfliktparteien ist, so geht es hier doch um etwas sehr Wesentliches. Sie sprachen sehr lange miteinander. Kann der griechische-katholische Bischof in der Auseinandersetzung möglicherweise vermitteln? Auch wenn ich den Inhalt des Gesprächs nicht kenne, so bewegte es mich doch: Es ist gut, wenn Menschen im Gespräch bleiben und aufeinander hören, trotz unterschiedlicher Positionen. Denn wo Menschen sprechen, bleibt Gemeinschaft bestehen. Genau diese Einsicht verstärkt sich auch immer mehr bei mir selbst. Es ist gut, dass so viele Themen in der Aula zur Sprache kommen. Es ist wohltuend, dass man über die Dinge sprechen darf.

In meinen persönlichen Betrachtungszeiten ist mir aufgefallen, dass ich innerlich in den letzten Tagen unter Druck stand. Auch das Schreiben dieses Blogs trägt dazu bei. So gibt es die leisen, aber einflussreichen Stimmen in mir: „Es muss etwas herauskommen bei dieser Synode, sonst ist sie ein Flop. Es müssen konkrete Entscheidungen in Fragen der Sexualmoral und der Stellung der Frau in der Kirche fallen, sonst wenden sich wieder viele Menschen enttäuscht ab. Viele lesen den Blog mit Wohlwollen und haben viel Hoffnung. Ich möchte natürlich auch nicht, dass die Leserinnen und Leser enttäuscht sind.“

Das sind berechtigte Gedanken, aber ich merke, dass ich mich selbst damit in die Enge treibe. Ich muss eingestehen, dass ich auch in den Blogbeiträgen begonnen habe, das Geschehen der Synode jeden Tag bewerten zu wollen. Ich habe angefangen zu urteilen und hoffte nicht mehr auf den Wachstumsprozess. Ich vertraute nicht mehr, dass das hier ein guter und von Gott geführter Weg ist. All das manövrierte mich in Richtung einer inneren Blockade. Und genau das ist ein großes Problem. Wenn ich urteile, trete ich genau aus dem heraus, worum es hier gehen soll: um das Hören und das Schauen auf das, was sich zeigt, und dann das Wählen von dem, was sich im Unterscheidungsprozess herauskristallisiert hat. Mit dem Druck, dem Beurteilen und der Angst vor Enttäuschungen falle ich eher in die Haltung des „Selbermachen Wollens“. Und das ist selten ein Weg in die echte Freiheit und zu mehr Lebendigkeit.

Eigentlich kenne ich diese Dynamik aus der Begleitung von Menschen in Exerzitien sehr gut und weiß, dass eine solche Dynamik grundsätzlich in die Sackgasse führt. Sie macht verschlossen, sie macht hart und kann zur Quelle von Resignation und auch von Streit werden. Aber gerade dann ist kein guter Exerzitienweg möglich. Was empfehle ich solchen Momenten Exerzitanten? Bring es vor Gott, geh mit ihm ins Gespräch.

So habe ich es in meinen Gebetszeiten gestern Abend und heute früh gemacht – und was zeigte sich? Mein Blick hat sich gelöst und damit verändert. Ich konnte heute beim Zuhören in der Aula deutlicher wahrnehmen, was an Neuem wächst, statt nur darauf zu starren, was noch nicht beschlossen ist. Ich kam innerlich wieder mehr in die Haltung: Vertrau darauf, dass hier viel Gutes wachsen wird. Du wirst es erst in einigen Wochen, Monaten oder vielleicht Jahren sehen. Aber du bist doch in der Tiefe deines Herzens überzeugt: Gott ist am Werk! Sie werden mir jetzt vielleicht vorwerfen, ich vertröste. Das stimmt aber nicht. Leben wächst und braucht Zeit, dann jedoch wird es stark und reißt durch eruptive Handlungen keine neuen Wunden auf. Durch die Synode wird guter Samen ausgestreut, und er wird Frucht bringen.

Heute feiert die Kirche den heiligen Lukas, den Evangelisten. Er war Arzt, bevor er in die Nachfolge Jesu trat. Aber auch danach ist er gewissermaßen Arzt geblieben: Durch das Wort Jesu, das er verkündigt, heilt er verhärtete und ängstliche Herzen. Der Bischof, der die Morgenbetrachtung gehalten hat, sprach viel über innere Heilung. Und ich dachte: „Genau! Gott, Du musst die Angst meines Herzens berühren und heilen. Dann werde ich wieder offener, beweglicher, fähiger auf Dich zu vertrauen.“ Das ist auch ein Ziel dieser Synode. Wir müssen alle mehr aufeinander und mehr auf Gott hören. Dann öffnen sich auch unsere verhärteten und ängstlichen Herzen und wir können offener und beweglicher für andere werden. Dann geht es auch voran – gemeinsam! Wo Herzen gesunden, wächst das Reich Gottes, ein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Freude im Heiligen Geist.

Clemens Blattert SJ

Tag 15

Manche der Bischöfe haben schon an mehreren Synoden teilgenommen. Dass sich vieles verändert und verbessert hat, wurde schon mehrfach festgestellt: Etwa die Beschränkung der Redezeit auf vier Minuten oder die Einbeziehung eines erweiterten Personenkreises im Vorfeld, man denke nur an die weltweite Online-Umfrage und die Vorsynode.

Seit gestern Nachmittag setzen wir die Beratungen zum dritten Teil des Arbeitsdokuments wieder in den Sprachzirkeln fort. Am Beginn der Sitzung gab es einen spontanen und spürbar nachdenklichen Austausch darüber, wie sehr weitere Veränderungen im Zuge dieser Synode sichtbar werden. Europa und die deutschsprachigen Länder sind nicht mehr von zentraler Bedeutung. Ja, manche sprachen sogar davon, dass wir nur noch ein „Appendix“ der Weltkirche sind. Hier geht es um einen „Bedeutungsverlust“, der von den Bischöfen erlebt und auch verarbeitet werden muss.

Gerade zum dritten Teil ergriffen viele afrikanische Bischöfe selbstbewusst das Wort. Aber auch aus vielen asiatischen Ländern wie Kambodscha, Korea und Indonesien wurde berichtet… Sie einte das Sprechen von einer Kirche, die zwar unter vielen wirtschaftlichen und humanitären Schwierigkeiten zu leiden hat, aber voller Hoffnung und Kraft ist. Außerdem stellten die „Synodenveteranen“ fest, dass noch nie so viele Weihbischöfe anwesend waren. Das liegt am Thema der Synode, denn in vielen Bischofskonferenzen sind Weihbischöfe für die Jugend zuständig. Dementsprechend sind viele „junge“ Bischöfe, also Bischöfe zwischen 45 und 55 Jahren, anwesend. Auch das verändert die Stimmung bei dieser Synode.

Mir selbst fällt ein Generationenunterschied zwischen den Bischöfen auf. Die sogenannten jungen Bischöfe wissen bereits, dass es so nicht weitergehen kann. Die drängenden Themen der Jugend sind längst bei ihnen angekommen und sie spüren Handlungsbedarf, wissen aber nicht richtig, wie und wo anzupacken ist – vielleicht auch, weil konkrete Vorbilder fehlen. Unter dem starken Eindruck des Missbrauchsskandals, der steten Anklage des verkrusteten, auf die eigene Macht bedachten Klerikalismus durch Papst Franziskus und der Beschäftigung mit der Jugend geben Bischöfe der älteren Generation zu, dass es in ihnen arbeitet. Es ist von einer Conversio, einer Umwandlung in den Herzen der einzelnen die Rede. Gerade sie ist notwendig, denn daraus folgen echte Anfragen an das bisherige und zukünftige eigene Handeln.

Der Prozess dieser inneren Bekehrung ist angestoßen, er ist spürbar und ich würde tatsächlich auch unter dem Eindruck von dem, was ich gestern geschrieben habe, meinen, dass sich hier bereits erste Früchte dieser Synode zeigen. Beeindruckend war auch, dass viel über einen hochrangigen Kardinal gesprochen wurde, der selbst von einer solchen Bekehrung gesprochen hat, die er im Blick auf die Fragen der Frauen erst vor wenigen Wochen erlebt hat. Eine Delegation von 12 Amtsträgern hatte zu einer Sitzung im Vatikan auch eine Delegation von 12 Frauen mitgebracht. Das konkrete Erleben dieses Miteinanders habe viel in den Ansichten dieses Kardinals verändert. Die Bischöfe geben auch offen zu, dass die beeindruckenden Zeugnisse der jungen Menschen in der Aula sie deutlich spüren lässt, wie sehr all diesen Menschen die Kirche am Herzen liegt – nicht nur ihnen selbst. Das wiederum erleichtert und öffnet für das aufmerksame Zuhören.

Sie werden jetzt vielleicht sagen: Warum so spät? Warum erst jetzt? Die Themen sind doch schon Jahrzehnte präsent? Ich weiß nicht warum. Aber ich kann persönliche Deutungsversuche anbieten: Papst Franziskus gibt mit seinem Stil Luft und Freiraum, um über manche Themen überhaupt erst reden zu dürfen. Eine Gesprächsatmosphäre, die in den vorangegangenen Pontifikaten vielleicht nicht im gleichen Ausmaß gegeben war. Ein anderer Grund könnte auch ein schlicht psychologischer sein.

Ein Bischof meinte mal in der Pause, jetzt nach zwei Wochen sei er auf „Betriebstemperatur“ für die Synode. Ich habe das so verstanden: weg von alltäglichen Amtsgeschäften. Viel Zeit und Freiraum für Gespräch und innerer Auseinandersetzung bedeutet Entlastung und neue innere Aufnahmebereitschaft. Ist vielleicht auch vieles an Strukturen, Verpflichtungen und (institutioneller) Verantwortung schlichtweg erdrückend für das Herz von Bischöfen, so dass es gar nicht wirklich offen, aufnahmefähig und bekehrungsfähig ist? Viele Bischöfe beklagen die lange Zeit des Herumsitzens in Rom – vier Wochen sind es insgesamt. Aber ich glaube, dass es diese Zeit braucht. Wenn man sich keine Zeit nimmt, sind Conversio und eine echte Veränderung weder in den Herzen noch in der Kirche möglich.

Ein Geheimnis meiner Arbeit mit jungen Menschen ist das Anbieten von „Freiraum“. Freiraum in Gestalt von Stille, von Gebetszeiten, die als Gegenstand „nur“ eine biblische Geschichte haben, die sogar mehrmals betrachtet wird, von verschwenderisch viel Zeit von Leuten, die einem zuhören, von Zeit zum Spazierengehen und die Seele baumeln lassen. Ganz ohne Druck, dass etwas herauskommen müsste. Dieser Freiraum wirkt Wunder – verändert Menschen zu denen, die sie wirklich sind. Im tiefsten glaube ich fest daran, dass der eigentliche „Freiraum“ die Gegenwart Gottes ist. Wo sie zugelassen wird – in sich selbst und in Gemeinschaft – dort ist viel Veränderung möglich.

Zeit zum Feiern ist eine besondere Form von Freiraum. Gestern Abend lud uns Kardinal Marx und 40 weitere Synodenteilnehmer zu einem bayrischen Abend in das Haus der Begegnung der Erzdiözese München ein. Was auf der Einladungskarte zuerst wie ein Oktoberfest in Rom anmutete, entpuppte sich als ein wunderbarer Abend bei leckeren bayrischen Spezialitäten und angenehmer Volksmusik: Ein Sextett aus Kontrabass, Ziehharmonika, Klarinette und Gesang musizierte. Und auch hier kam es zu schönen persönlichen Gesprächen als mir z. B. ein Bischof von seiner monatelangen tiefen Glaubenskrise erzählte oder ein anderer Jesuit, der bei der Synode mitarbeitet, frei erzählte, was ihn beschäftigt und was ihm Sorgen macht. Wir tauschten uns auch darüber aus, wie wir als Jesuiten die Synode wahrnehmen. Fehlen darf bei aller Ernsthaftigkeit eines nicht: Das gemeinsame, freie Lachen. So war der gestrige Abend ein richtig schöner und gelungener Freiraum.

Clemens Blattert SJ

Tag 16

Das Fundament für den Erfolg dieser Synode sind gelingende Gespräche. Aber welche Komponenten zeichnen ein gelingendes Gespräch bei so einer großen Veranstaltung aus, und wie sieht es hier im Vatikan tatsächlich aus? Wichtig ist zuerst einmal die Bereitschaft zum Zuhören, also die Offenheit den anderen und seine Position wahrzunehmen. Zum guten Zuhören gehört ebenfalls, dass ich innerlich Raum habe und nicht wie ein gefülltes Glas randvoll mit Sorgen, Problemen, Gedanken, Anliegen bin. Wenn ich innerlich keinen Raum habe, kann ich das Gesagte des anderen nicht aufnehmen, geschweige denn hören oder verstehen.

Auch die Moderation spielt hier eine große Rolle. Man könnte sicherlich noch einiges verbessern und dazulernen. Beispielsweise wurden die Moderatoren ohne große Einführung bestimmt. So dachten manche fast bis zum Schluss, es gehe darum, den Text des Arbeitsdokuments zu kommentieren und zu ergänzen. Es geht aber darum, dass ein ganz neuer Text entsteht. Man hätte sicherlich von Zeltlagern lernen können, dort trifft sich ja auch jeden Abend die Leiterrunde und bespricht den Tag. Das hätte das konstruktive Gespräch sicherlich gefördert.

Bei dieser Synode wurde für mich ein weiterer Punkt für ein gelingendes Gespräch sehr deutlich: die Sitzordnung. Das Äußere prägt das Innere. Sitzt man mit einer Gruppe an einem langgezogenen Tisch hat, man meist nur die Chance mit den direkten Nachbarn zu sprechen. Aber ein Gespräch innerhalb der gesamten Gruppe kommt kaum zustande. Es scheitert ja schon an der Wahrnehmung aller. In unserer Jesuitenkommunität in Frankfurt haben wir sechseckige Tische, vor einigen Jahrzehnten selbst geschreinert. Solche Tische oder runde Tische finde ich persönlich am hilfreichsten für ein funktionierendes Gespräch. Man kann jeden sehen und ein Austausch kann leicht entstehen.

Die Synodenaula haben Sie sicherlich schon auf Fotos gesehen. Sie ist wie ein Amphitheater aufgebaut. Das Zentrum ist eindeutig der Platz, auf dem der Papst sitzt. Alles ist auf ihn hin ausgerichtet, gefühlt trifft das auch für jeden einzelnen Wortbeitrag zu. Ganz skurril wurde es meinem Empfinden nach an den Tagen, an denen der Papst überhaupt nicht in der Aula war. Die Redebeiträge waren dann sozusagen für den leeren Stuhl bestimmt.

In den ganzen drei Wochen kam in der Großgruppe kein Gespräch miteinander auf, kein Reagieren aufeinander zustande. Das war schon seltsam, weil es ja eigentlich darum gehen sollte, ein Thema zu diskutieren. Sicher, in den Kleingruppen wurde viel miteinander geredet und ausgiebig aufeinander reagiert. In der Synodenaula jedoch blieb viel Potential auf der Strecke liegen. Selbstverständlich hat das auch mit der hierarchischen Organisation der Kirche zu tun, aber synodale Kirche soll doch cum Petro et sub Petro sein, also mit Petrus und unter ihm. Es bräuchte daher eine Sitzordnung, die beides ermöglicht: den klaren Vorsitz des Papstes, aber auch das Miteinander der Gesprächspartner.

2016 hatten wir Jesuiten eine Generalkongregation in Rom. 220 Delegierte aus der ganzen Welt trafen sich, um über die Lage des Ordens zu sprechen, einen neuen Oberen zu wählen und Impulse für die weitere Arbeit zu geben. Die Aula in unserer Curia wurde für dieses Treffen umgebaut. Sie ist wie eine Ellipse angelegt, es kommt ein Gemeinschaftsgefühl auf, weil sich alle Teilnehmer sehen können und dennoch das Präsidium für alle sichtbar ist. Natürlich ist ein Orden durch die gemeinsame Spiritualität homogener als die Weltkirche (vielleicht würden mir hier einige Jesuiten nicht zustimmen), aber mir schien, dass damals allein durch die Anordnung der Sitzplätze mehr Kommunikation miteinander möglich war.

Gestern war ich mit zwei anderen Experten Abendessen. An dem kleinen Tisch, an dem wir saßen, konnten wir ganz wunderbar miteinander sprechen, auch über die Kommunikation auf der Synode. Da beide schon erfahrene Vaticanisti sind, erzählten sie unter anderem auch darüber, dass viele Bischöfe 2015 zum 50jährigen Jubiläum der Synode nicht begeistert waren, dass der Papst zu einer synodalen Kirche aufgerufen hat.

Und da sind wir wieder bei dem Punkt, von dem ich glaube, dass in ihm die große Frucht dieser Synode liegt. Die Leitung der Kirche wurde vom Papst auf einen Lernweg geschickt, um zu klären, was es bedeutet, eine synodale Kirche zu sein und einen gelingenden Dialog zu führen. Und das ist die eigentliche Reform.

Viele werden sehr enttäuscht sein von den Ergebnissen im Blick auf die Jugend. Heute hörten wir die Berichte aus den 14 Sprachgruppen zu dem ganzen Themenkomplex „Auswählen“. Eigentlich sollte es hier konkret werden. Mein Sitznachbar, ein Benediktiner, sagte: „Sie streuen nur schöne Blumen.“ Der deutsche Sprachzirkel wurde in Hinblick auf eine Art Selbstverpflichtung der Bischöfe am konkretesten. Aber der ganze Bereich Berufungspastoral – also junge Menschen in Entscheidungssituationen begleiten, junge Menschen ermutigen nach ihrer Einmaligkeit zu suchen, Ihnen zu helfen die inneren und äußeren Stimmen zu unterscheiden – kam am Ende so gut wie gar nicht vor. Trotzdem bin ich sehr zuversichtlich, dass der Umkehrprozess eingesetzt hat. Die Bischöfe spüren, dass er notwendig und auch hilfreich ist. Und wer weiß, vielleicht kommt ja auch bald noch ein Umbau der Synodenaula.

Übrigens noch etwas Persönliches, diesmal aus meiner Zeit in der Studentengemeinde in Leipzig. Zu Beginn meiner Zeit haben wir nach der Messe an großen Tischen gemeinsam zu Mittag gegessen. Aber allein die Form der Tische führte dazu, dass Personen oft alleine saßen oder nicht wirklich in Gespräch kamen. Da kam uns die Idee, es einfach mal mit Biertischen zu probieren. Was war das Ergebnis? Die Stimmung bei den Mittagessen war direkt so viel besser, niemand musste mehr alleine sitzen. Vielleicht können auch Sie das ja mal in Ihrer Pfarrei ausprobieren. So ein Beisammensein lässt wirkliche Gemeinschaft entstehen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und viel Freude am Tisch des Herrn.

Clemens Blattert SJ

Tag 17

Die letzte Woche der Jugendsynode beginnt mit einem Erholungstag für uns. Sonntag und auch Montag haben wir frei. Derzeit wird der Text des Abschlussdokuments von einer kleinen Gruppe vorbereitet und so haben wir anderen Teilnehmern die Möglichkeit zum Durchatmen. Diese Pause ist auch dringend notwendig. Drei Wochen intensive Arbeit, ein unendlicher Strom an Eindrücken und spannenden Begegnungen, die Wellen vieler Emotionen, zusätzlich immer wieder der Kontakt in die Welten zu Hause – das kann schon mal zu einem inneren Verarbeitungsstau führen. Das Gefühl „rien ne va plus“ – nichts geht mehr – machte sich bei mir am Samstag breit. Und so kamen die beiden freien Tage wie gerufen.

Ich selbst nutze die freien Tage zum Nachholen von Schlaf, Spaziergängen durch die Stadt und für einige entspannte Begegnungen. Am Samstagnachmittag lernte ich z.B. die neun jungen Leute aus Deutschland kennen, die an der Vorsynode teilgenommen haben. Sie wurden übers Wochenende zum Austausch mit der deutschen Delegation eingeladen. Bei Kaffee und selbstgebackenen Nussecken im Gästehaus der Bischofskonferenz war für mich besonders, so viele engagierte junge Christinnen und Christen aus Deutschland zu treffen, die alle ganz unterschiedlich sind. Da gibt es den philosophieinteressierten Priesterkandidaten und die eloquente Journalistin, da ist der junge Promovend, dem die Jugendlichen aus dem nichtakademischen Milieu am Herzen liegen, und die Vorsitzende der internationalen Landjugendbewegung. Vor mir saßen hochkompetente und hochengagierte junge Menschen, mit denen ich sofort gerne zusammenarbeiten würde. Auf meinem Heimweg fragte ich mich: Warum soll ich mir Sorgen um die Zukunft der Kirche machen?

Am Samstagabend verabredete ich mich mit einer Bekannten auf ein Eis in den belebten Gassen Roms. Sie engagiert sich in einer Bewegung für die Glaubensweitergabe. Es entwickelte sich ein schöner Austausch über das, was die jungen Menschen suchen, brauchen und welche Herausforderungen die Suche nach dem eigenen Lebensweg mit sich bringt.

Sehr schön war auch der Besuch einer „normalen“ Sonntagsmesse in einer Pfarrei. Es war ein Familiengottesdienst, in dem die KatechetInnen beauftragt wurden, während in den Bänken über 100 Kinder im Alter von 8-10 Jahren wuselten. Das pralle Leben! Bei der Aufforderung zum Friedensgruß schwärmten alle Kinder wie wildgewordene Bienen durch die ganze Kirche und überbrachten den Eltern und Großeltern den Gruß voller Begeisterung. Besonders musste ich über einen kleinen Mann von drei oder vier Jahren schmunzeln, der sich zur Sonntagsmesse sein bestes Gewand umgelegt hatte: Ein Superman-Umhang. Es war herrlich.

Und damit nicht genug: Am Sonntagabend war ich außerdem an den Küchentisch im provisorischen Headquarter des BDKJ eingeladen. Der Tisch war mit leckeren Antipasti reich gedeckt und der Vorrat an Weißwein schien unerschöpflich. Wir saßen zu sechst um den Tisch, lernten uns kennen, erzählten von dem, was uns bewegt, lachten, gaben manchem Ärger Luft und schmiedeten Pläne für die Zukunft… Es war richtig schön – eine Synode im Kleinen.

Auf dem Heimweg entlang der Vatikanischen Mauern hing ich den Eindrücken noch nach. Ich dachte, so müsse es beim 2. Vatikanischen Konzil rund um Frère Roger gewesen sein: Er war als Beobachter eingeladen, durfte weder reden noch mitabstimmen und doch prägte und gestaltete er die Kirche wesentlich mit. In die Ferienwohnung, in der er während des Konzils lebte, lud er abends immer wieder verschiedene Menschen aus dem Umkreis des Konzils zu Gebet und Essen ein. Dort wuchs Respekt über Konfessionen und Lager hinweg, dort wuchsen Freundschaften und dort wuchs eine Offenheit für Kirche. Diese Wohnung hat die Brüdergemeinschaft im Übrigen heute noch. Während der Jugendsynode luden auch Frère Alois und drei weitere Brüder verschiedene Leute zu Begegnung und Gespräch in diese Wohnung ein, damit die Kirche wachsen kann.

Warum erzähle ich das alles? An diesem Wochenende bekam ich wieder viele Mails, von Ihnen, den treuen Leserinnen und Lesern, die von der Enttäuschung über „die Kirche“, vom fehlenden Mut und von der zermürbenden Langsamkeit der Veränderungen handelten. Das alles stimmt und bewegt auch mich. Aber die Kirche ist eben nicht nur die Kirchenführung, die Kirche ist eine unzählige Fülle an einzelnen Christen. Es sind Menschen, wie die am Küchentisch des BDKJ versammelten, wie für den Glauben engagierte Frauen, wie ein Junge mit Superman-Kostüm im Kindergottesdienst. In so viel Engagement von jungen Menschen und auch hier in der Synode, wo der Geist Herzen auf milde und sanfte Art ergreift, zeigt sich, was der wesentliche Kern dieser Kirche ist. So kann ich bei der Arbeit auf der Synode und in den freien Tagen bei so vielen schönen Begegnungen unsere katholische Kirche lebendig und motiviert erleben, kann erleben, wie Gott in der Kraft des Heiligen Geistes sein Volk durch die Zeit führt.

Clemens Blattert SJ

Tag 18

Heute ist ein ruhiger Studientag in Rom. Am Morgen versammelten wir uns alle in der Synodenaula und der erste Entwurf des Abschlussdokumentes wurde vorgestellt. Der Generalrelator, quasi eine Art Chefredakteur, gab einige hermeneutische Hinweise für die Lektüre des Dokumentes: Man dürfe es nicht isoliert lesen. Der ganze Prozess der Vorbereitung, die Vorsynode, das Instrumentum Laboris, das Abschlussdokument, die Antwort des Papstes und dann die weiteren Wege zu Hause in den Gemeinschaften und Diözesen – all das gehöre zusammen. Für mich war der Satz „Wir wollen mit dem Abschlussdokument keine Rezepte liefern, sondern Kriterien, wie die Dynamik dieser Wochen fortgesetzt werden kann“ entscheidend.

Danach stellten die Sondersekretäre den Entwurf abschnittsweise vor, am Ende der Versammlung wurden Kopien ausgeteilt und alle zum Studium des Textes nach Hause geschickt. Selbstverständlich ist das Dokument momentan noch streng vertraulich.

Aber am Rande bekam ich noch einige Erzählungen über den Arbeitsprozess der Sondersekretäre mit. Von Samstag bis gestern Abend haben sie intensiv gearbeitet und waren lange auf der Suche nach einer Struktur für den dritten Teil. Viele disparate Eingaben lagen vor und es schien unmöglich, diese zu systematisieren. Doch nach Stunden der Diskussion zeigte sich auf einmal eine Lösung. Alle bestätigten, dass das einer Pfingsterfahrung ähnlich war: Plötzlich taten sich die Türen auf.

Auch der Papst war an dieser Runde beteiligt. Eine seiner Eigenschaften ist, dass er sich sehr viel Zeit nimmt. So saß er den ganzen Nachmittag mit dem Redaktionsteam zusammen, ließ sich den Text vorstellen und kommentierte ihn. Wobei sein Hauptbeitrag, wie ich jetzt schon öfter in diesen Tagen von Mitarbeitern und Bischöfen auch in Bezug auf andere Dinge gehört habe, ein anderer ist: Er macht Mut voranzugehen.

Für mich persönlich kam es gestern noch zu einer schönen Begegnung mit vier Bischöfen, die sich für die Zukunftswerkstatt SJ interessierten. Wir haben uns in der Curia der Jesuiten getroffen, ich habe viel erzählt, allen das Heftchen, wie man eine gute Entscheidung trifft, geschenkt und natürlich fuhren wir mit dem Aufzug aus den 20er Jahren auf die Dachterrasse. Von dort aus hat man einen grandiosen Ausblick: auf den Petersdom, die Engelsburg, die Piazza Venezia, den Tiber und bei klarer Sicht auch auf die Rom umgebenden Berge. Dass man Bischöfen auch mit solchen kleinen Dingen wie einem Besuch einer Dachterrasse eine Freude machen kann, ist schön und ihre Rückmeldungen zur Zukunftswerkstatt SJ haben mich persönlich gefreut. Zu Ende ging der Austausch – wie sollte es in Rom anders sein – mit dem Besuch in einem kleinen italienischen Restaurant. Dort erfuhr ich noch eine besondere Geschichte: Ein Bischof erzählte, wie er Pfarrer in einer Gemeinde mit einer Landmaschinenfabrik war. Als er die Nachricht, dass er zum Bischof ernannt worden war, erhielt, ging er in diese Fabrik und bat die Arbeiter, dass sie ihm doch seinen Bischofsstab fertigen sollten. Der Fabrikchef habe gesagt, er können das nicht, die Arbeiter aber hätten sofort ihre Bereitschaft erklärt. Und so entstand im Vorfeld ein schöner Austauschprozess mit den Handwerkern, der Bischof lernte neue Perspektiven kennen und ein Goldschmied lieferte noch kleine Verzierungen. Am Ende entstand ein besonderer Stab, der dem Bischof bis heute Inspiration für seine Firmpredigten liefert. Der Bischofstab aus der Traktorenfabrik – auch das ist Zeichen einer synodalen Kirche, in der jede und jeder seine Kompetenzen einbringt. Dann entsteht etwas, mit dem man das Feuer des Geistes weitertragen kann. Dazu braucht es auch Bischöfe, die den Mut haben, Menschen in ihren Kompetenzen ernst zu nehmen und sie zu neuen Horizonten herauszufordern.

Clemens Blattert SJ

Tag 19

Bei einer Papstwahl treffen die Bischöfe die Entscheidung hinter verschlossenen Türen, und der Rest der Welt wartet auf den weißen Rauch. So ähnlich ist es auch bei einer Synode: Im Moment ist warten angesagt, denn auch die Arbeit am Abschlussdokument geschieht hinter verschlossenen Türen.

Gestern haben sich die deutschsprachigen Bischöfe zur gemeinsamen Lektüre getroffen. Offiziell war das gar nicht vorgesehen und verdeutlicht, wie gut die Stimmung und die Zusammenarbeit in unserer Gruppe sind. Außerdem wurden Veränderungsvorschläge besprochen. Diese müssen namentlich beim Synodensekretariat eingereicht werden und je mehr Unterschriften ein Vorschlag hat, desto (ge)wichtiger wird er.

In der Vollversammlung heute Morgen war Zeit zum freien Austausch. Die Bischöfe und Kardinäle konnten Anmerkungen zum Abschlussdokument machen. Formal müssen alle Änderungsvorschläge schriftlich eingereicht werden, um berücksichtigt zu werden, doch man konnte trotzdem beobachten, wie die Sondersekretäre den einen oder anderen Hinweis dankbar mitschrieben. Insgesamt bewundere ich die Haltung der Sondersekretäre und ihrer engsten Mitarbeiter sehr, und es scheint nicht nur mir so zu gehen.

Natürlich gab es auch enttäuschende Momente, die vielleicht nur fehlender Achtsamkeit geschuldet sind oder doch auch fehlendem Vertrauen: So haben die selbstlosen und wirklich engagierten Auditorinnen und Auditoren keinen Entwurf des Abschlusstextes erhalten. Sie dürfen zuhören, aber scheinbar trauen sich die Verantwortlichen nicht, ihnen eine Kopie des noch vertraulichen Dokumentes auszuhändigen. Das ist sehr schade und enttäuschend, denn wenn diese jungen Menschen durch ihren zeitlichen Einsatz und ihr Zeugnis nicht gezeigt haben, dass sie loyal der gemeinsamen Mission der Kirche gegenüber sind, wer denn dann?

In der Aula war schon bei der Vorstellung des Dokumentes und auch heute wieder die große Zustimmung zum gesamten Dokument spürbar. Die Bischöfe gaben gerade nach der Lektüre des Dokuments ihrem Staunen und ihrer Dankbarkeit auch Ausdruck. Mir scheint, als könne sich die Versammlung in diesem Dokument gut wiederfinden. Die Autoren des Abschlusstextes zeichnet einerseits eine hohe fachliche Kompetenz und ein hohes Engagement aus, aber andererseits auch eine Selbst- und Absichtslosigkeit. Sie waren fähig, sich von eigenen Positionen, Überzeugung und Wünschen frei zu machen und sich wirklich ganz in den Dienst der Synode zu stellen. Diese innere Freiheit – hohes Engagement und frei vom Bedürfnis, eigene Überzeugungen durchzusetzen – ist eine Grundvoraussetzung für ein konstruktives Miteinander und wächst vor allem aus Vertrauen. Gestern berichtete ich ja bereits, dass der Papst die Autoren des Textes ermutigte, Vertrauen zu haben. Diese Rückenstärkung hat sie sicherlich befähigt, in dieser Situation innerlich freier zu werden.

Um diese Haltung müssen wir als Christen immer wieder ringen und ohne sie kommen wir wohl nicht im Frieden und zum Segen aller voran. Dazu passt auch ein Satz aus der heutigen Tageslesung, in der Freiheit, Offenheit, Vorankommen auf der Basis von Vertrauen anklingen: „In Christus haben wir den freien Zugang durch das Vertrauen, das der Glaube an ihn schenkt.“ (Eph 3,12)

Hoffen wir, dass die Erfahrung der Synode, das Abschlussdokument und das Weitergehen den Glauben an Gott stärken und dass daraus Vertrauen in uns allen wächst, damit wir mit einer großen inneren Freiheit gemeinsam vorangehen können.

Clemens Blattert SJ

Tag 20

Gerade komme ich vom Pilgern zurück. Vor zwei Wochen gab es in der Aula die Idee, dass wir eine gemeinsame Wallfahrt unternehmen. Gesagt, getan. Die Kongregation für die Evangelisierung übernahm die Organisation, 200 Synodenteilnehmer sowie einige Jugendliche aus Rom, Mitarbeiter und Bekannte rund um die Synode kamen mit.

Um 8:00 Uhr traf sich die Gruppe im Vatikan, wo bereits sechs große Busse bereitstanden. Als wir die vatikanischen Mauern verlassen hatten, zückten die italienischen Jugendlichen plötzlich ihre Handys und redeten ganz aufgeregt durcheinander. Wir stellten fest, dass die Busflotte von einer Polizeieskorte begleitet wurde – das erlebt man auch nicht jeden Tag. So ging es durch Rom bis auf den Monte Mario.

Mit einem kurzen Gebet begannen wir auf der Via Francigena zu pilgern. Das ist ein Pilgerweg, der von Canterbury durch Frankreich, die Schweiz und Rom bis nach Jerusalem führt. Wir liefen die meiste Zeit durch Wald, manchmal öffneten sich aber auch herrliche Blicke auf die Stadt: Etwa auf das Fußballstadion von Rom und natürlich auch auf den Petersdom. Das letzte kurze Wegstück führte uns durch die Stadt. Auch hier sperrten Polizisten die Strecke ab, was zu einem regelrechten Hupkonzert führte…

Dreimal hatten wir eine Station, hielten inne, hörten ein Stück aus der Heiligen Schrift und beteten jeweils einen Psalm. Danach konnte man entweder ein Stück in Stille gehen oder sich mit einer Weggefährtin oder einem Weggefährten unterhalten.

Die Stimmung war wunderbar. Die Jugendlichen hüpften wie bei einem Klassenausflug herum, der Kardinal in den Turnschuhen stapfte schwitzend und zufrieden dahin, man konnte untereinander unkompliziert ins Gespräch kommen und schöne Unterhaltungen ergaben sich. Es war ein echter Segen, so unverkrampft gemeinsam unterwegs zu sein. So etwas hätte es eigentlich schon nach den ersten drei Sitzungstagen gebraucht, um uns auch abseits des Protokolls besser kennen zu lernen.

Unser Pilgerweg endete auf dem Petersplatz. Mit einem Taizé-Lied auf den Lippen zogen wir in die Basilika ein. Am Petrusgrab erwartete uns der Papst. Mit ihm zusammen erneuerten wir unseren Glauben an den dreieinigen Gott mit demselben Ritus wie in der Osternacht. Ein sehr bewegender Moment. Danach feierten wir die Messe. Der Papst nahm in der Bank teil, ein Kardinal stand der Messe vor und unter den Messgewändern lugten die schmutzigen schwarzen Schuhe oder Turnschuhe hervor. Bischöfe, junge Leute, Priester, wir alle saßen eng beieinander. Vor dem Agnus Dei zog mich ein Priester am Arm und schwups war ich Teil von einem Team, das die Kommunion austeilen sollte – ein sehr schöner Dienst, den Leib Jesus Christi an ganz viele verschiedene Menschen austeilen zu dürfen. In diesem Moment dachte ich mir, dass wir als Synode viel mehr solcher Momente zusammen gebraucht hätten. Das hätte manches vereinfacht.

Aber was mich wirklich beeindruckt hat sowohl bei der Messe als auch bei der ganzen Wallfahrt, war die Organisation. Alles lief reibungslos ab, was bei einer Gruppe von 300 Leuten nicht anspruchslos ist. Am Ende gab es sogar noch Lasagne und Rotwein für alle – darauf musste ich aber verzichten, damit ich mich rechtzeitig an den heutigen Blogartikel machen konnte.

Unternehmungen wie diese sind sicherlich auch Inspirationen für zu Hause – im Großen wie im Kleinen. Ich bin beispielsweise gespannt, wann die Vollversammlung der deutschen Bischöfe Auditoren in ihren Kreis bittet, um das synodale Prinzip ausprobieren, oder die Bischöfe sich Zeit in ihren Terminkalendern freischaufeln, um mit Menschen aus ihren Bistümern zu pilgern und auf dem Weg über ihren persönlichen Glauben ins Gespräch zu kommen…

Das Pilgern nimmt einen zentralen Gedanken des Zweiten Vatikanischen Konzils auf: gemeinsam auf dem Weg zu Gott sein. Natürlich braucht es Menschen, die leiten, sonst läuft der ganze Pulk durcheinander oder verkehrt, natürlich braucht es verteilte Aufgaben und Dienste. Zentral ist aber, dass man miteinander auf dem Weg und Volk Gottes ist! Diese Synode bringt die Bischöfe und das Volk Gottes wirklich gemeinsam in Bewegung, sie erfrischt den eigenen Glauben an den lebendigen Gott und spendet so genügend Kraft zum Weitergehen!

Clemens Blattert SJ 

Tag 21

Im Hintergrund wird momentan am Text des Abschlussdokuments gearbeitet, damit die Bischöfe am Ende der Synode Abschnitt für Abschnitt über ihn abstimmen können.

Während im Synodensekretariat noch unter Druck gearbeitet wird, kehrt bei mir langsam die Entspannung ein, denn die Arbeit der Experten ist abgeschlossen. Auch die gestrige Wallfahrt hat viel dazu beigetragen. So konnte ich mir heute Morgen auch mal wieder einen Cappuccino und ein Cornetto in meiner Lieblingsbar direkt an der Jesuitenkurie gönnen.

Zum Ende der Synode sind viele Journalisten aus dem deutschsprachigen Raum angereist, die uns Synodenteilnehmer für Interviews anfragen. Manche davon lehne ich ab, beispielsweise wurde ich gefragt, ob ich zu den Querelen um die Erteilung des Nihil obstat für meinen Mitbruder Ansgar Wucherpfennig ein Interview geben könne. Dazu kann ich aber nicht mehr sagen als jeder andere auch, der die Berichterstattung verfolgt hat. Hier in Rom lebe ich zwar mit Pater General unter einem Dach, sitze jeden Tag mit dem Präfekten der Glaubens- und Bildungskongregation und dem Papst in einem Raum, was aber im Umkehrschluss nicht heißt, dass ich durch die räumliche Nähe mehr erfahren würde. Alle Gespräche laufen hier sehr diskret ab und die Etikette verbietet es auch, Pater General beim Essen auf solche Interna anzusprechen. Aber gerne sagte ich heute nach dem Morgenkaffe einer Journalistin zu, die sich über die Synode unterhalten wollte. Zum Gespräch saßen wir auf der Dachterrasse der Kurie und dort kam mir dann auch die Idee für einen Blogbeitrag an einem Tag, an dem offiziell nichts passiert.

Im Gespräch mit der Journalistin fiel mir auf, dass ein Wort während dieser Synode mit großer Selbstverständlichkeit bemüht wurde: Unterscheidung. Aber Unterscheiden ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Kunst, die erlernt werden will.

Die „Unterscheidung der Geister“ genießt in der Spiritualitätsgeschichte eine lange Tradition. Ignatius von Loyola hatte während eines langwierigen Genesungsprozesses die Intuition, dass es in ihm unterschiedliche Kräfte gibt. Die einen bringen ihn mehr ins Leben, die anderen gaukeln dieses Mehr an Leben nur vor. Er verließ sich auf diese Intuition und entwickelte aus ihr die Unterscheidung der Geister. Sie wurde ihm zu einem Kompass, mit Hilfe dessen er die Suche nach seinem Platz im Leben bestreiten konnte. Mit der Erteilung der Geistlichen Übungen für seine ersten Gefährten begann Ignatius, sein Handwerkszeug weiterzugeben.

Aber was macht dieses Werkzeug eigentlich so besonders? Es ist die Tatsache, dass es in jedem Menschen bereits angelegt ist. Glaubt ein Mensch daran, dass Gott ihm den Weg zu mehr Leben zeigen kann, und will ein Mensch dem Guten in seinem Leben Raum geben, spürt er ziemlich schnell, dass das gar nicht so eindeutig zu machen ist. Es strömen viele Stimmen von außen und innen auf einen ein. Es zieht einen in ganz unterschiedliche Richtungen. Geistlich spricht man dann von einem Kampf zwischen den guten und den bösen Geistern. Diese beiden zu unterscheiden erfordert ein genaues Hören auf die inneren Bewegungen. Die Unterscheidung lässt sich auch in Gemeinschaften anwenden, wie ich auf der Synode erleben konnte. Aber es braucht viel Kraft, Zeit, Ruhe und Geduld. Nicht immer ist sofort klar, was von welchem der Geister kommt.

Als Jesuiten versuchen wir uns in dieser Unterscheidung zu üben und sie weiterzugeben. Ich denke oft, dass das Jesuit sein eine wirklich tolle Sache ist. Geistliche Begleiter, Priester und Exerzitienbegleiter sind ein bisschen wie Unternehmensberater, die allerdings Menschen beraten und dabei begleiten, das Potential ihrer „Lebensunternehmung“ zu sehen. Mit der Unterscheidung der Geister geben wir Menschen seit Jahrhunderten Kriterien an die Hand, wie sie klare Entscheidung treffen können, immer und immer wieder.

Auch das Abschlussdokument, über das morgen abgestimmt wird, soll nicht gelesen werden, als würde es über Wohl und Wehe der Menschen entscheiden, sondern soll „nur“ ein Hilfsmittel bei der Unterscheidung der Geister sein. Es soll Lust machen auf der Spur des Heiligen Geistes, der uns zum Mehr im Leben lockt, zu bleiben.

Clemens Blattert SJ

Tag 22

Heute morgen kamen wir wieder alle in der Synodenaula zusammen. Wieder war der ganze Vormittag für die Lektüre des Abschlussdokuments reserviert. Zuvor gab es noch einige Instruktionen, etwa darüber, wie die morgige Abschlussmesse im Petersdom ablaufen wird, wo wir uns für das Gruppenfoto einfinden sollen und dass wir alle noch ein Geschenk vom Papst bekommen werden – eine Bronzeplakette.

In den kurzen Unterhaltungen mit Bruder Alois, Bischof Oster, und anderen Kolleginnen und Kollegen herrschte bei uns allen die gleiche Stimmung vor: Wir freuen uns, wieder nach Hause zu unserer Arbeit und zu unseren Leuten zu fahren.

Beim Lesen des überarbeiteten Abschlusstextes bestätigte sich übrigens eine Vorahnung: Durch die Einarbeitung der vielen Anmerkungen hat der Text an Kraft verloren. Man merkt, dass der Text nur versucht, gegensätzliche Positionen so aufzunehmen, dass sich alle Seiten darin wiederfinden können. Ich  muss ehrlich sagen, dass mich das betrübt. Wenn die Synode den Text  heute Abend offiziell dem Papst übergibt, setzt bereits ein neuer Prozess ein. Der Papst wird ausgehend von diesem Text und von all dem, was er gehört hat, ein eigenes Schreiben verfassen. Ich hoffe, es wird wieder mutig und ermutigend werden.

Mit dem Ende der Synode geht auch meine Zeit als Blogger zu Ende. Drei Punkte habe ich zum Abschluss noch.

Zuerst möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen allen für den gemeinsamen Weg bedanken. Am Anfang habe ich mich wirklich über meine Zusage zu diesem Blog geärgert. Warum belaste ich mich neben der Synode noch mit zusätzlicher Arbeit? Aber nach und nach erkannte ich, dass das Bloggen nicht „neben der Synode“ stattfindet. Auch hier war es wie auf einem gemeinsamen Pilgerweg:  Für mich war es  eine gute Unterbrechung, um den Prozess der Synode zu reflektieren.

Aber mehr noch habe ich mich über die vielen und vertrauensvollen Zuschriften von Ihnen gefreut. Plötzlich erfuhr ich, dass viele Menschen mit mir zusammen diesen Synodenweg gehen, eine besondere Art der Pilgergemeinschaft.. Da sind die begeisterten Theologiestudierenden aus der Schweiz, die für die Jugendpastoral brennen. Da sind die hoffnungsvollen und intensiv betenden Ordensschwestern, die die „Computerschwester“ zum Ausdrucken des Blogs drängen. Da ist der Kardinal, der nach dem langwierigen Tagesgeschäft den Blog liest, um eine zusätzliche Perspektive auf das Geschehen zu bekommen. Da sind die Journalistinnen und Journalisten, Professorinnen und Professoren, die interessiert durch ihre professionellen Brille an der Synode Anteil nehmen.

Und da sind auch die vielen Bekannten mit ihren Sorgen: Da ist der Priester, der sein Amt aufgegeben hat, um zu heiraten, und auf Veränderung hofft, da sind die die hoffnungsvollen, vom Glauben neu inspirierten Leute aus der Zukunftswerkstatt, meine Freunde und so sicherlich noch viele weitere. Je mehr ich von meinen Leserinnen und Lesern erfuhr, desto mehr wuchs in meinem Geist das Bild einer Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die mitgeht; einer Gemeinschaft,, die in der Sorge, in der Liebe zu den Menschen, zu Gott und zur Kirche, manchmal auch im Leiden an und mit der Kirche verbunden ist.  Das alles hat mich sehr berührt und noch näher an das synodale Prinzip des gemeinsamen Vorangehens geführt.

Ein zweiter Punkt: Schon bei der Eröffnungspredigt hat Papst Franziskus eines seiner Lieblingszitate bemüht. Die Erwachsenen sollen die jungen Menschen  anstecken, damit aus ihnen Propheten und Visionäre werden (Joel 3,1).  Ich könnte vieles darüber schreiben, besonders wichtig ist mir jedoch eines:

Mein großer Traum sind mutige Menschen, die sich von Gott immer wieder neu entzünden lassen, die Mauern durchbrechen, die ein offenes Wort des Vertrauens wagen, die anpacken und Raum eröffnen, damit wir gemeinsam – jede und jeder mit den eigenen Gaben –  vertieft Menschen und Menschen und Jünger Christi, jede und jeder mit den eigenen Gaben sein können. Das wünsche ich mirt auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Kirche – mitten in der Welt. Ich glaube, dass das  Handwerkszeug bereit liegt und die Türen offen sind..

Das führt mich zu meinem letzten Punkt. Meine Gebetszeit hielt ich am liebsten in der Kapelle des Altersheims, das direkt an die Jesuitenkurie angeschlossen ist. In ihr befindet sich ein großes Mosaik, das ein Jesuitenpater geschaffen hat. Es stellt die Geburt Jesu dar – Gott inkarniert sich in diese unsere Zeit. Das ist doch eines der ganz großen Wunder: Der Schöpfer von allem wird ein kleiner, wehrloser Säugling. Da klingt ein Ausspruch von Alfred Delp SJ in meinen Ohren: Was hat sich denn verändert, seit Gott geboren wurde? Ist sie denn wirklich besser geworden, diese Welt? Ist das Leid weniger geworden?

Nein, aber unser Leben wurde erfüllt von einem feinen Lichtstrahl: Immanuel. Die Welt ist eine andere geworden, weil Gott dieses Leben mit uns teilt. Mein Leben, Ihr konkretes Leben als Journalist, als Kardinal, als Mutter, als Studierende, als Suchende,  uns allen gilt nicht nur dieses Wort, sondern diese Wirklichkeit. Das verändert alles.

Dieses Wort steht für mich im Zentrum des Synodenabschlusses. Ja, es gibt die Wirklichkeit, die Missstände und Ungerechtigkeiten, die Notwendigkeit für Reformen – sie gilt es wahrzunehmen und mutig anzupacken. Vieles wird wieder auf der Strecke bleiben, aber bei all dem lassen Sie uns auf den schauen, der Grund, Leben und Ziel der Kirche ist, den Immanuel, der nicht aufhört, den Weg mit uns zu teilen und zu gehen.

Und so sage ich am Ende noch einmal herzlichen Dank für die Weggemeinschaft und wünsche Ihnen von Herzen Gottes reichen Segen!

Ihr Pater Clemens Blattert SJ